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Programmheft

FAUST GRETCHEN MARGARETE
Eine theatrale Videoinstallation von Bert Zander

FAUST GRETCHEN MARGARETE

nach Johann Wolfgang von Goethe

„Meine Ruh ist hin“ – einer der Sätze, der bleibt, wenn man sich den Zitatenschatz aus Goethes „Faust“ vergegenwärtigt. Ein Ausspruch Margaretes, genannt Gretchen, der ihr Dilemma zwischen Begehren und Schmach widerspiegelt. 
Den wohlsituierten Dr. Heinrich Faust, verjüngt durch den Bund mit Mephisto, drängt es zu weltbewegenden Abenteuern und ganz nebenbei zieht ihn das „Ewig Weibliche“ an. Und Margarete? Am Ende ist es nicht nur Faust, der sie zu Fall bringt, sondern vor allem auch die gesamtgesellschaftlichen Umstände, die bestimmen, wie eine Frau leben darf. 
In Bert Zanders Neufassung des Theaterklassikers wird Margaretes Geschichte, ihre Perspektive, als eindringlicher Monolog erzählt. Margarete ist auf der Suche nach einem Ausweg aus der immer wieder auf den Spielplänen auftauchenden Geschichte. Sie will nicht mehr benutzt werden als Wetteinsatz zweier Männer…

Beteiligte:

Mit: Caroline Baas
Stadtensemble: Helene Paula Dönicke/ Mathilda Schönberger, Sonja Dürnberger

Regie: Bert Zander
Bühne & Kostüm: Lene Schwind
Dramaturgie: Fanny Kölbl
Regieassistenz: Mia Nguyen
Soufflage: Pierre Balazs
Inspizienz: Vera Lehr
Koordination Stadtensemble-Drehs: Leonie Rohlfing

Technik

Simon Koci
Wolfgang Schmutzer
Rainer Lingfeld
Franziska Wigelbeyer
Anton Mitterlehner

Stadtensemble Video: 
Mircan Adtakan, Jonas Paris Aron, Yüksel Arslan, Romana Bayer, Robert Fallenstein, Astrid Fallmann-Krizanic, Martin Faschingeder, Merten Gareiß, Ingrid Garschall, Elisabeth Graf, Gerald Grois, Anna Gromova, Renate Hubinger, Fanny Kölbl, Amadeus Louis König, Doris Kraushofer, Lukas Lebhart, Margit Leuthner, Monika Mauer-Auer, Siegrid Mayer, Margit Meiringer-Gareiß, Friederike Meyer, Mia Nguyen, Christine Nusterer, Sonja Oberreiter, Mathias Pichler-Sekyra, Roland Rauscher, Caroline Schindele, Clara Schmieder-Sekyra, Holly Schwind, Lene Schwind, Franziska Widelbeyer, Claudia Zawadil

Ensemble Video:
Emma Bahlmann, Clemens Dönicke, Lisa Edith Freiberger, Bettina Kerl, Amadeus Louis König, Max Kurth, Mika Pavle Kuruc, Michael Scherff, Ines Schiller, Philippe Thelen, Felix Thewanger, Susi Wirth

 

Der Fall der Susanna Margaretha Brandt

Biografischer Hintergrund
Susanna Margaretha Brandt wurde am 8. Februar 1746 in Frankfurt am Main geboren. Sie war eine Dienstmagd, deren Schicksal als historische Vorlage für die Gretchen-Figur in Johann Wolfgang Goethes „Faust“ gilt. Brandt wurde beschuldigt, ihr neugeborenes Kind getötet zu haben und anschließend am 14. Januar 1772 hingerichtet.

Als achtes Kind eines Soldaten wuchs sie als Waise auf und arbeitete später im Frankfurter Gasthaus „Zum Einhorn“ bei der Witwe Bauer. 1770 lernte sie dort einen niederländischen Goldschmiedegesellen kennen, mit dem sie eine sexuelle Begegnung hatte. Nach ihrer späteren Aussage hatte er sie zum Wein eingeladen und ihr geschmeichelt. Sie vermutete, dass er ihr ein Pulver ins Getränk gemischt hatte. Der Mann verließ Frankfurt wenige Tage später.

Ihre anschließende Schwangerschaft verheimlichte sie vor ihrer Arbeitgeberin und ihren Schwestern. Obwohl sie wegen des Ausbleibens ihrer Monatsblutung ärztliche Hilfe suchte, erkannte der Arzt die Schwangerschaft nicht. Er verschrieb ihr einen Tee. Als sie vier Wochen vor der Geburt ihres Kindes einen weiteren Arzt konsultierte, bemerkte dieser ebenfalls nicht, dass sie im siebten Monat schwanger war.

Geburt, Festnahme und Gerichtsverfahren
Am 1. August 1977 brachte sie einen Jungen zur Welt. Nach ihrer späteren Aussage fiel das Kind bei der Geburt auf den steinernen Boden und gab nur kurz Lebenszeichen von sich. Sie hätte den Säugling verletzt und dessen Körper in einem Stall hinter dem Haus versteckt.

Noch vor Tagesanbruch floh Brandt aus der Stadt. Schon am nächsten Tag jedoch kehrte sie erschöpft nach Frankfurt zurück und wurde am Bockenheimer Tor festgenommen. Fünf Tage nach der Festnahme wurde der Leichnam des Kindes ausgegraben und Brandt vorgelegt. Daraufhin gestand sie ihre Beteiligung am Tod des Kindes.

Das Frankfurter Gericht verhandelte den Fall vom 8. bis 12. Oktober 1771. Das Verfahren fand ohne mündliche Verhandlung statt. Es wurde ein Todesurteil ausgesprochen, das Gnadengesuch abgelehnt. Am 14. Januar 1772 wurde Brandt an der Frankfurter Hauptwache hingerichtet.

Goethe und die Gretchen-Tragödie
Johann Wolfgang Goethe hielt sich während des Verfahrens in Frankfurt auf und arbeitete dort von August 1771 bis Mai 1772 als Rechtsanwalt. Goethe ließ sich Abschriften der Prozessakten anfertigen. Die Ereignisse um Brandt dienten vermutlich als wichtige Anregung für die Gretchen-Tragödie.

Auch der Fall Johanna Catharina Höhn, die 1783 wegen der Tötung ihres Kindes hingerichtet wurde, ist für die Einordnung von Goethes Haltung relevant. Nach Einschätzung der Forschung befürwortete Goethe in diesem späteren Fall ihre Todesstrafe.

Die Gretchentragödie

eine Nacherzählung von Caroline Baas

Faust trifft Mephisto, das ist die Gelehrtentragödie. Die Gretchentragödie beginnt damit, dass Faust lieben will, oder eine junge Frau haben will, und dann Gretchen zufällig auf der Straße trifft. Als er sie anspricht, wehrt sie das zunächst ab. 
Faust sagt zu Mephisto: „Ich will die." 
Mephisto antwortet: „Die ist aber erst 14.“ 
Und Faust sagt: „Das ist mir wirklich komplett egal. Lass er mich mit dem Gesetz in Frieden! Verschaffe sie mir!"

Daraufhin verkuppelt Mephisto Faust mit Gretchen. Sie lernen sich kennen, also jetzt sehen sie sich zum zweiten Mal. Gretchen ist erstmal verliebt und eingeschüchtert. Sie daten, könnte man sagen.

Faust und Gretchen treffen sich ein weiteres Mal. Es kommt, wenn man so will, zu einer sexuellen Handlung. Gretchen wird dabei schwanger. Sie vergiftet ihre Mutter aus Versehen mit Schlaftropfen, die ihr Faust gegeben hat, damit Faust nachts heimlich zu ihr ins Zimmer gehen kann.

Dann kehrt Gretchens Bruder, der Soldat ist, aus dem Krieg zurück. Faust erdolcht ihn und Gretchen bleibt mutterseelenallein und schwanger zurück. Sie sucht Hilfe, findet aber keine.

Sie tötet das Kind und ihr wird daraufhin der Prozess gemacht. Margarete, im Kerker, kurz vor ihrer Hinrichtung: Faust versucht, sie zu befreien, aber sie wehrt das ab. 
Ihr letzter Satz ist: „Heinrich! Mir graut's vor dir."

Im Gespräch mit Caroline Baas

Die Grenzüberschreitungen, die Gretchen passieren und die sie erst so im Nachhinein versteht – das ist oft typisch für Übergriffe.
Caroline Baas über "Faust Gretchen Margarete"

Welche Themen in Gretchens bzw. Margaretes Geschichte – wie zum Beispiel gesellschaftlicher Druck, Fremdbestimmung, Schuld, Scham – sprechen dich besonders an?

CAROLINE BAAS
Ich glaube, was sehr aktuell ist und was viele junge Frauen sicherlich beschäftigt, ist die Debatte „Nein heißt Nein“ und auch die Debatte, die damals vorherrschte: „Nein ist eigentlich ein kokettes Ja.“

Die Grenzüberschreitungen, die Gretchen passieren und die sie erst so im Nachhinein versteht – das ist oft typisch für Übergriffe. Und ich glaube, selbst wenn man ein klares Nein setzt, was sie tatsächlich mehrmals im Stück tut, passieren Dinge manchmal trotzdem. Und dann sucht man die Schuld bei sich selbst, es entsteht Scham, es entstehen Schuldgefühle, man vertraut sich niemandem an, man ist allein und leidet unter den Konsequenzen.

Glaubst du, dass Gretchen in Faust wirklich verliebt war?

CAROLINE BAAS
Wenn ich Faust lese, bin ich überrascht, wie wenig Liebe Gretchen eigentlich beschreibt. Die Liebe, die sie beschreibt, ist eher eine Verängstigung. Das Interessante für mich ist, dass Goethe so schöne Liebesgedichte geschrieben hat. Aber bei Gretchen ist die Art, wie sie über die Liebe spricht, im Grunde immer mit einer Angst verbunden: „Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer."

Das sind so schwere Worte über Liebe, dass ich ihr die Liebe als Verliebtsein gar nicht abkaufen kann. Vielleicht ist sie beeindruckt von dem mächtigen Faust, der edel, klug und wortgewandt ist. Aber selbst wenn sie verliebt wäre, selbst dann ist es niemals eine Rechtfertigung dafür, dass einem Unrecht angetan wird. Das heißt, selbst wenn sie als 14-jähriges Mädchen in einen erwachsenen Mann verliebt wäre, ist das kein Ja dafür, dass er übergriffig wird.

Inwiefern spiegelt Gretchens Geschichte moderne Debatten rund um Einvernehmlichkeit und emotionale Manipulation wider?

CAROLINE BAAS
Oft ist das Bild, das man von Vergewaltigung oder von sexuellen Übergriffen hat: irgendwo auf einem dunklen Parkplatz zieht irgendjemand eine Frau ins Auto und dann kann sich die Frau noch nicht mal wehren oder schreien, niemand hört sie. Mit dem Bild bin ich auch aufgewachsen.

Aber dieses Bild spiegelt oft nicht so ganz wider, wie die Realität aussieht und wie Übergriffe passieren und wie sie sich anfühlen und was der Vorlauf von Übergriffen ist. Meistens entstehen Übergriffe und Vergewaltigungen im näheren Umfeld. Man kennt oft die Täter, viele im Freundeskreis kennen meistens auch die Täter. Man ist und bleibt einsam damit und allein.

Der Vorlauf einer emotionalen Manipulation ist oft Teil der Geschichte des Übergriffs. Das beschreibt auch Goethe in der Gretchentragödie. Da ist ein deutlich älterer Mann, der den Teufel an seiner Seite hat. Das sind zwei mächtige Männer, wenn man so will. Gretchen ist 14, sie ist ein Kind. Sie hat überhaupt keine Ahnung von der Welt. Und Gretchen gerät in diesen Strudel, ist beeindruckt von seinem Redefluss. Aber das heißt nicht, dass das Einvernehmlichkeit war.

Was das Besondere an dieser Inszenierung ist: Es gibt nicht nur dich als Margarete auf der Bühne, sondern auch eine 14-jährige Margarete und eine 58-jährige Margarete. Was drückt das hinsichtlich weiblicher Solidarität und generationsübergreifenden Herausforderungen aus?

CAROLINE BAAS
Jede Generation, jede Zeit kämpft ihren eigenen Kampf. Sonja (58-jährige Margarete) meinte, wie fortschrittlich sie zu ihrer Zeit waren, und wie überrascht sie ist, dass heutzutage ästhetisch so viel Druck auf dem weiblichen Körper lastet, den sie in den 70er-Jahren nicht empfunden hat.

Sexismus, das patriarchale System, wandelt und verändert sich, und dadurch ist auch der Kampf gegen die Gewalt und die Unterdrückung in jeder Zeit ein anderer.  Aber obwohl jede Zeit ihre eigenen Kämpfe kämpft, bauen wir trotzdem auf den Kämpfen der vorigen Generationen auf.

Dass wir im Ensemble jetzt drei Generationen abbilden, empfinde ich als etwas sehr Rührendes: zu sagen, wir hören uns gegenseitig zu, und wir stützen uns, und wir geben uns Weisheit und Erfahrungen weiter, und wir werden uns immer gegenseitig darin verstehen. Und wenn wir uns nicht verstehen, dann werden wir uns zuhören und die andere Person sich erklären lassen.

Das Gespräch wurde geführt von Fanny Kölbl.
 

    4 Fragen an den Regisseur

    Wir wollen aus der Gegenwart erzählen.
    Bert Zander über "Faust Gretchen Margarete"

    Wie bist du auf die Idee gekommen, Faust aus Margaretes Perspektive zu erzählen?

    BERT ZANDER
    Weil mir, nicht nur weil ich aus Weimar komme, in der Erzählung des Mannes in der Sinnkrise in fast allen Inszenierungen immer etwas gefehlt hat, nämlich das unfassbare Leid, dass durch eine gesellschaftliche Schieflage und Klassismus Frauen angetan wird, in der Gesellschaft wie auch in der Literatur. Ich wollte in Goethes „Faust“ den Fokus auf Margarete richten und ihre Perspektive sichtbar machen.

    Warum ist es gerade jetzt wichtig, Geschichten wie Margaretes zu erzählen?

    BERT ZANDER
    Wir wollen aus der Gegenwart erzählen und dadurch die 220 Jahre Rezeptionsgeschichte des Heinrich Faust aus dem Heute, aus der Grabkammer Margaretes von 2026 heraus, zurück zum Anfang und wieder zurück in unser Leben erzählen. Schließlich sind die patriarchale Gewalt und die Disharmonie immer noch heute präsent.

    Wie werden Faust und Mephisto auf der Bühne greifbar, wenn die Erzählung primär bei Margarete liegt?

    BERT ZANDER
    Um die Margaretentragödie zu erzählen, sind die Männer im Stück notwendig, um auf einer Spielerinnenebene den Male-gaze fühl- und begreifbar zu machen. Caroline Baas begibt sich dafür in die Rolle der Männer, die das Leben ihrer Figur Margarete ruinieren, um ihr dabei zu helfen, im Stück letztendlich doch entkommen zu können.

    Welcher Gedanke steckt hinter der Entscheidung, bei dieser Neuinszenierung drei Margareten präsent auf der Bühne zu haben?

    BERT ZANDER
    Fast jede Frau und damit jede Generation hat männliche Gewalt in verschiedenen Formen erlebt. Und diese machen wir stellvertretend mit drei Generationen nachvollziehbar und lassen Margarete nicht allein bei ihrem Kampf und ihrer Auseinandersetzung mit dem Stoff.

    Die Fragen wurden gestellt von Fanny Kölbl.

      Sa, 31. Oktober 2026
      16:00 Uhr
      - 18:30 Uhr
      Caroline Baas
      Nachmittags-Abo Uraufführung Kinderbetreuung
      Eine theatrale Videoinstallation
      Landestheater Niederösterreich Theaterwerkstatt
      € 24
      Mi, 4. November 2026
      19:30 Uhr
      - 22:00 Uhr
      Caroline Baas
      Mittwochs-Abo Uraufführung
      Eine theatrale Videoinstallation
      Landestheater Niederösterreich Theaterwerkstatt
      € 24
      Do, 12. November 2026
      19:30 Uhr
      - 22:00 Uhr
      Caroline Baas
      Donnerstags-Abo Uraufführung
      Eine theatrale Videoinstallation
      Landestheater Niederösterreich Theaterwerkstatt
      € 24
      Fr, 13. November 2026
      19:30 Uhr
      - 22:00 Uhr
      Caroline Baas
      Freitags-Abo Uraufführung
      Eine theatrale Videoinstallation
      Landestheater Niederösterreich Theaterwerkstatt
      € 24
      Mi, 25. November 2026
      19:30 Uhr
      - 22:00 Uhr
      Caroline Baas
      Uraufführung
      Eine theatrale Videoinstallation
      Landestheater Niederösterreich Theaterwerkstatt
      € 24
      Sa, 28. November 2026
      19:30 Uhr
      - 22:00 Uhr
      Caroline Baas
      Samstags-Abo Jugend-Abo Uraufführung
      Eine theatrale Videoinstallation
      Landestheater Niederösterreich Theaterwerkstatt
      € 24
      Di, 16. März 2027
      19:30 Uhr
      - 22:00 Uhr
      Caroline Baas
      Uraufführung Zum letzten Mal
      Eine theatrale Videoinstallation
      Landestheater Niederösterreich Theaterwerkstatt
      € 24
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