Interview mit paula lew van well
paula lew van well wurde mit dem Peter-Turrini-Dramatiker*innenstipendium 2025 ausgezeichnet. Wir haben mit ihr über ihren Text "der mund wenn er kippt ist ein teich", den Prozess des Schreibens und Queerness gesprochen.„überall, wo der mensch handanlegt, ist mit defekten zu rechnen“
Ein See kippt. Ein Körper dehnt sich aus. Eine Jugend strapaziert gesellschaftliche Normen. Gleichzeitig lassen sich „natürliche“ Prozesse nicht aufhalten. paula lew van wells Debüt zeichnet in fragmentarisch-poetischen Strukturen nach, wie Erinnern, Wachsen und Verändern sich durch Körper und Sprache schreiben. Dabei entwirft paula eigenwillig eine fragile Erzählung über Freundschaft, Queerness, Körperwissen, Trauer und Verlust.
Letztes Jahr hast du Paula mit deinem Stück „der mund wenn er kippt ist ein teich“ das Peter-Turrini-Dramatiker*innenstipendium 2025 gewonnen. Wie hat sich der Text seither weiterentwickelt?
Der Text hatte schon zum Zeitpunkt des Stückefests einige Transitionen hinter sich. Erst war er Teil einer Stücke-Triologie, dann sollte er – in Zusammenarbeit mit Sounddesigner:in Laris Bäucker - als Live-Hörspiel entwickelt werden und als die Uraufführung am Landestheater Niederösterreich feststand, wurde er zum Sprechtheatertext für Körper auf der Bühne. Dabei hat er sich auf die Zeitebenen der drei Figuren und deren Beziehung konzentriert und seine Fläche verdreifacht. Alle Stadien waren wichtig für den Text – z.B. wird Sound/Musik weiterhin eine große Rolle spielen :-)
Was hat es mit dem Titel auf sich?
Im Titel trifft der „Mund“, als Raum zwischen Innen- und Außenwelt, welcher Menschen und unsere drei Figuren miteinander verbindet, als Ökosystem, das, wie ein Gewässer, durch äußere Einflüsse „kippen“, also seinen Zustand drastisch ändern kann, auf den „Teich“. Zu diesem droht der See, an dem die Freund:innen ihre Jugend verbringen, zu werden, weil es durch das „Umkippen“ allmählich zur Verlandung kommt.
Hinweise: Etwaige Verwirrungen sind gleichermaßen vorhanden wie erwünscht
Vorschläge für Antworten, die aus einem Hauptsatz bestehen, sind willkommen
Es ist eine Coming-of-age-Erzählung über drei jungen Menschen Seda, Mo und Nadja. Du verbindest die Erlebnisse dieser Teenager mit atmosphärisch-lyrischen Textsequenzen, in denen du bestimmte Vorgänge eines Ökosystems beschreibst; konkret den Prozess des „Kippens“, das ist, wenn das ökologisches Gleichgewicht eines Sees durch Sauerstoffmangel gestört wird und plötzlich und katastrophal zusammenbricht. Welche Parallelen möchtest du damit aufzeigen?
Damit möchte ich Zusammenhänge untersuchen, in denen queere und nicht-menschliche Beziehungen stehen können, weil sie gesellschaftlich aberkannt werden. Eine Natur, deren Wert nicht erfasst, ein Queersein, das aus dem Selbstbild der Gesellschaft ausgestoßen wird –, und dazwischen drei queere Figuren auf dem Rapsfeld, im See, neben Umkehrosmoseanlagen, am Pool.
Es geht in deinem Stück auch um Identität und darum, dass Geschlecht nicht eindeutig definiert werden muss. Welches Anliegen steckt dahinter?
Natur ist queer, das ist nichts neues, trotzdem werden Begriffe wie „unnatürlich“ noch immer benutzt, um Menschen, Körper, Sexualitäten abzuwerten. Ich will über eine Umwelt reden, die uns wichtig ist, die nichts mit Lokalpatriotismus, Essentialisierung von Geschlecht, Ökofaschismus usw. zu tun hat. Das halte ich vor allem in Zeiten der Klimakrise und erstarkender rechter Parteien für wichtig.
Der zweitletzte Satz in deinem Text lautet: „man stelle sich einen raum vor, der sich nicht umkehren lässt.“ Formulierst du damit eine Hoffnung oder wie soll man diese Aussage deuten?
Das ist ein Satz, mit dem ich viel gestritten habe. Ob hoffnungsvoll oder hoffnungslos – erstmal steht er ganz wertfrei dar: Verschiedene Kipppunkte können eine Kettenreaktion hervorrufen, Prozesse, die, einmal ausgelöst, nicht mehr aufzuhalten sind. Trotzdem ist es kein präapokalyptisches Stück, es erzählt von Möglichkeiten und Umkehrbarkeiten gleichermaßen… es ist ja „nur“ der vorletzte Satz ;)
Wie ist es für dich, deinen Text, den du im stillen Kämmerlein geschrieben hast, nun von leibhaftigen Menschen gelesen zu hören bzw. vorgespielt zu bekommen? Lösen sich deine Vorstellungen ein?
Wie das ist? Premium! Das war schon bei der Szenischen Lesung beim Stückefest (in der Einrichtung von Verena Holztrattner) abgefahren. Ich kenne das bisher nur von Hörstückproduktionen, da mag ich den Moment sehr, in dem Text Stimme/Körper wird, manche Texte brauchen das (sowie dieser). Ich bin auf die Inszenierung sehr gespannt und habe bei Treffen mit dem Team das Gefühl eines gemeinsamen Verständnisses.
Du schreibst auch Prosa. Wie unterscheidet sich die Herangehensweise, wenn du einen Text für die Bühne schreibst? Kannst du uns etwas über deinen Schreibprozess erzählen?
Ich schreibe Texte für viele verschiedene Formate – manchmal weiß ich noch gar nicht, für welches, wenn ich mit einem Text beginne. Das entwickelt und entscheidet sich dann auf den ersten Seiten. Mit meinem Romanprojekt versuche ich, die Figuren so intim wie möglich kennenzulernen, deren Beziehungsdynamiken, deren icks, die Strukturen, in denen sie leben, das funktioniert viel über Sprache und Länge für mich. Auch wenn Texte für das Theater nicht unbedingt weniger wissen, ist ihr Verhalten bildhafter, situativer, schneller.
"der mund wenn er kippt ist ein teich" feiert am Samstag, den 7. März 2026, am Landestheater Niederösterreich in der Theaterwerkstatt Premiere.
Mit Marthe Lola Deutschmann, Julia Kreusch, Katharina Rose
Regie Anne Bader
Bühne und Kostüme Andrea Simeon
Musik Volker Schmidt
Dramaturgie Sabrina Hofer