Othello

Landestheater Großes Haus

von William Shakespeare

Einführung / Kurzbeschreibung

von William Shakespeare

Wer ist Othello? Ein gefeierter Volksheld, der mehrere Seeschlachten für die Republik Venedig gewonnen hat? Ein siegreicher General, der mit strategischem Kalkül Venedigs Stellung als europäische Handelsmacht zwischen Ost und West festigen konnte? Oder nur ein Eindringling, der sich geschickt Zutritt zur venezianischen Oberschicht verschafft hat? Als Othello die Senatorentochter Desdemona heimlich zur Frau nimmt, wird aus verdeckten Ressentiments offener Rassismus.

Othello ist nun „the moor, the thicklips“. In der streng hierarchischen Männergesellschaft wird er zur Projektionsfläche für Neider und zur Zielscheibe für Missgunst und Hass gegen alles Fremde. Ohne sein Wissen schafft er sich Feinde, im privaten wie im beruflichen Umfeld. Die Liebe zu Desdemona bringt Othellos Nebenbuhler Rodrigo gegen ihn auf. Jago, sein Fähnrich, fühlt sich übergangen, da Othello einen Mitbewerber zum Leutnant befördert hat. Jago will Rache. Als Othello auf Zypern das venezianische Militär anführt, um den Angriff der Türken abzuwehren, gelingt es Jago, ein perfides Netz aus Fake News, Lügen und Intrigen zu spinnen. Er sät Zweifel an Desdemonas Treue und treibt damit Othello bis zum Äußersten.

„Othello“, 1603 entstanden, ist eine große Rachetragödie und hochemotionales Eifersuchtsdrama zugleich. Es geht um rassistische Stereotype, gesellschaftliche Vorurteile, archaische Männlichkeitsbilder und um die Zerbrechlichkeit einer Liebe. Für seine Inszenierung von „Hamlet“ am Landestheater Niederösterreich wurde der junge Londoner Regisseur Rikki Henry mit dem Nestroypreis ausgezeichnet. Mit „Othello“ setzt er seine Auseinandersetzung mit dem Shakespeare'schen Werk und einer zeitgenössischen und atmosphärischen Inszenierungsästhetik fort.

Pressestimmen

KURIER 20.09.2021

Toller Titelfight im Boxen"

Monu spielt diese tragische Gestalt sehr intensiv, er ist Opfer und Täter zugleich. Tim Breyvogel gibt den Jago als fahrigen Intriganten der Superlative, von Unruhe und Hass getrieben. Marthe Lola Deutschmann verleiht der Desdemona mehr Profil, als meist üblich.

DIE PRESSE 14.09.2021

„Rikki Henry inszenierte eine kühn gestraffte Fassung von William Shakespeares Tragödie monströser Eifersucht und politischer Intrigen. Tim Breyvogel spielt den dauernd erregten Intriganten (Jago) mitreißend."

„Starke Momente haben auch die Frauen im Ensemble."

„Ein Besuch lohnt sich allein schon wegen der Show, die Breyvogel abzieht.“

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KRONENZEITUNG 13.09.2021

„Im Landestheater ist eine Neuproduktion entstanden, die den Stoff gekonnt ins Heute setzt."

„Was Henry brillant gelingt, ist die Transformierung ins Heute: es entstehen filmische Bilder, man erlebt einen Thriller, der in den Bann zieht und viele Aspekte thematisiert. Die Bilder sind gut "geschnitten", klug mit Effekten angereichert, die Figuren mehrdimensional: Sie alle tragen ihre Problemrucksack, auch Desdemona (Marthe Lola Deutschmann), die kein duldender Engel ist, sondern im Boxring wie auch mit Liebe ringt.

„Wobei, wie im Original, Jago besonderes Gewicht erhält. Er ist die spannendste Figur, weniger erzböse, als von Dämonen geplagt. Ihn spielt Tim Breyvogel mit zappeliger Attitüde herausragend. Nicholas Monu wiederum zeigt eindrucksvoll, wie Othello im Zwischenmenschlichen scheitert."

Interview

Tragödie der Ambivalenzen

Ein Gespräch mit Univ.-Prof.in Dr.in Sarah Heinz, Professorin für Englische und Anglophone Literaturen an der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien

Das Stück wurde 1604 uraufgeführt, im Jahr der Besiedelung der ersten englischen Kolonie. Welche Bedeutung hatte Rassismus zu dieser Zeit? Welche Stereotype sieht das zeitgenössische Publikum in „Othello“?

Der Begriff von Race, wie wir ihn heute haben, war im Elisabethanischen England nicht existent. Unsere starke Engführung auf Aspekte von Hautfarbe, Haar, Augenform, also auf sehr stark körperliche Merkmale, setzt erst im 19. Jahrhundert ein. Da beginnt auch der „wissenschaftliche“ Rassismus, der Schädel misst usw. Im Elisabethanischen England ist der Begriff sehr viel fluider und verweist zunächst auf eine Gruppe von Menschen, die sich auf eine bestimmte Weise von anderen unterscheidet. Der Unterschied zwischen Mann und Frau wird im Elisabethanischen England auch als Race bezeichnet. Generell war der Begriff nicht gängig, sondern es wurden eher Begriffe für soziale Positionen verwendet. Dennoch gibt es Stereotype, und Blackness, also Schwarz-Sein, ist einer davon. Im mittelalterlichen Moralitäten-Spiel ist der Teufel immer schwarz, schwarz ist negativ konnotiert. Mit dem Begriff Race gehen also bereits Stereotype einher. Darin liegt die Kontinuität zur Gegenwart.

Shakespeares Text korrespondiert mit zeitgenössischen Berichten über Afrika. Waren diese auch dem Publikum bekannt?

Im Elisabethanischen England waren Reiseberichte sehr populär, das waren richtige Bestseller. Wenige Jahre vor „Othello“ ist die einflussreiche „History of Africa“ von Leo Africanus auf Englisch übersetzt und viel gelesen worden. Diese Freude am Exotismus ist sicher ein wichtiger Aspekt in der Gesellschaft um 1600, diese Neugier am „Anderen“, auf andere Kulturen und Traditionen. Shakespeare ist wie immer extrem geschickt, den Zeitgeist zu erspüren. Zugleich werden auch negative Bilder verbreitet, Afrikanus schreibt z.B. über Kannibalen. Das fasziniert die Leserschaft und die „Lust am Anderen“ geht mit einem problematischen, bewertenden Blick einher. Das „Andere“ ist abstoßend und anziehend gleichzeitig.

War Rassismus ein Thema im alltäglichen Leben?

Im Elisabethanischen England lebten relativ viele nicht-weiße Menschen und es gibt sogar eine Schrift von Elisabeth selbst, in der sie dazu aufruft, die „moors“ zu deportieren. London ist eine sehr heterogene Metropole. Gerade im wirtschaftlichen Kontext pflegte man viele interkulturelle Kontakte. Juristisch ist noch kein Rahmen für Rassismus installiert. Es gibt also keine Gesetze dafür, wer wo hingehen darf oder wer mit wem handeln oder sich verheiraten darf, wie beispielsweise während der südafrikanischen Apartheid oder auch in Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg, wenn festgelegt wird, welche Gruppen einwandern dürfen und welche nicht. All das existiert im Elisabethanischen England nicht. Es gibt tatsächlich auch nicht-weiße historische Personen, die im gesellschaftlichen Leben herausgehobene Rollen gespielt haben wie Othello.

Wie war die Rezeption des Stücks über die Jahrhunderte hinweg?

Die ununterbrochene Aufführungsgeschichte in allen Epochen zeigt, dass die Themen des Stücks und ihre Behandlung relativ universal sind. Durch diese vielen Grautöne und Ambivalenzen konnte jede Zeit woanders ansetzen. Auch was Casting-Entscheidungen und ihre Bedeutung angeht.

Zunächst wurde Othello von einem weißen Schauspieler in Blackfacing gespielt. Wann hat sich das geändert?

In der Forschungsliteratur zur Renaissance-Aufführungspraxis wird formuliert, dass Othello zwar ein weißer Mann war, aber Desdemona auch. Alles wurde von weißen Männern gespielt. Das hatte keinen politischen Charakter, sondern einen moralischen Hintergrund. Für Frauen schickte es sich nicht, Theater zu spielen. Schauspielen wurde für Frauen mit Prostitution gleichgesetzt. Schwarze Schauspieler gab es nicht. Alle zeitgenössischen Schauspielertruppen bestanden aus weißen Männern. Der Afroamerikaner Ira Aldridge war 1833 der erste schwarze Schauspieler, der „Othello“ spielte. Die Inszenierung war eine der populärsten Othello-Versionen ihrer Zeit. Desdemona war eine weiße Schauspielerin. Im 20. und 21. Jahrhundert werden über Besetzungsentscheidungen bewusst Themen wie Race und Ethnizität, Religion und Gender verhandelt. 1997 war Patrick Stewart der einzige weiße Schauspieler als Othello in einem ansonsten schwarzen Cast.

In der Besetzungsfrage spiegelt sich, wie eng in „Othello“ Rassismus mit Geschlechterfragen intersektional verschränkt sind.

„Othello“ zeigt ein gesellschaftliches System, an dessen Pyramidenspitze der weiße Mann steht.  Die Verbindung von Othello und Desdemona ist deshalb so bedrohlich für jemanden wie Jago, weil er ohnehin schon seine militärisch und sozial untergeordnete Position durch „weiße Männlichkeit“ zu kompensieren versucht. Othello ist ihm militärisch übergeordnet, er ist sein Vorgesetzter, und Desdemona ist ihm übergeordnet, weil sie zur Oberschicht gehört. Wenn diese beiden sich verbinden, ist das die ultimative soziale Grenzüberschreitung und Bedrohung für diese Sichtweise auf white masculinity als Spitze der Pyramide. Jago zeigt die internalisierte Angst der „weißen Männlichkeit“, entthront zu werden, und den Wunsch, sich ständig zu bestätigen. Die Gender Studies haben in der Analyse gezeigt, dass die Beziehung von Jago und Othello darauf abhebt zu fragen, wer von den beiden denn männlicher sei, und dass die Vorstellung, Frauen würden sich ihrer „Natur“ nach zu dem Überlegenen hingezogen fühlen, eine Art Kastrationsangst, also eine Angst davor, nicht männlich genug zu sein, bedeutet.

Das Wort „Natur“ wird im Stück häufig verwendet. Jago baut auf diesem Begriff seine Intrige auf. Ist die Vorstellung einer „Natur“ immer der Kern rassistischer Vorurteile?

Das kommt auf den Rassismus-Begriff an, den man nutzt. Wenn man Race als einen Begriff bezeichnet, der Differenzen zwischen menschlichen Populationen auf der Basis von genetischen oder äußerlichen Unterschieden bezeichnet, dann ist Rassismus die Umwandlung dieser deskriptiven Differenzen in eine Hierarchie, in eine negativ wertende Hierarchie. Rassismus basiert auf der Annahme natürlicher Differenzen, die als eine Beziehung zwischen Überlegenheit und Unterlegenheit gewertet werden. Die Stärke von „Othello“ als Theaterstück ist, dass es aufzeigt, wie mächtig solche Bilder und die Referenz auf Natur sind. Dass wir es hinterfragen müssen, wenn durch äußerliche Unterschiede ein moralischer Unterschied begründet wird und wenn mit der Unveränderbarkeit der Natur – denn das ist ja das wichtige am Natur-Begriff – argumentiert wird.

Kann man „Natur“ durch Triebgesteuertheit ersetzen?

Es ist auffällig, wie oft Jago und die anderen auf die scheinbare „Natur der Frau“ zurückkommen, die nicht anders kann, als zu betrügen. Durch diese Rhetorik wird versucht, die Grenzüberschreitung, die durch die Beziehung der beiden passiert, zu reparieren. Frau bleibt Frau, die kann nicht anders. Für die critical whiteness-studies ist „Othello“ so interessant, weil das Stück die gängigen Vorstellungen von Männlichkeit befragt, die damit einhergehen, dass ein Mann Triebe hat, aber nur dadurch dominant ist, dass er diese kontrollieren kann. Während die weiße Frau überhaupt keine sexuellen Regungen haben sollte. 

Warum ist die Liebe ein besonderes Tabu? Wir erfahren beispielsweise, dass Othello im Haus von Desdemonas Vater freundschaftlich ein- und ausgegangen ist. Durch die Verbindung von Othello und Desdemona wird aber eine rote Linie überschritten.

Othello ist ja ein Stück über jede mögliche Form von Alterität, die sich gegenüber dem anderen abgrenzen muss, das von außen kommt. Othello ist aber nicht mehr außen, wie die Türken, sondern drin. Die Liebesbeziehung bedeutet, dass die beiden Kinder haben werden, dass die Kinder etwas erben werden und ein Teil von Venedig sein werden. Das bedroht die interne Homogenität und Kohärenz dieser Gesellschaft. Deshalb wird sexuelle Vereinigung mit Tiermetaphern beschrieben. Sobald Othello aus seiner Soldatenfunktion heraustritt, wird er mit allen negativen Assoziationen, die mit Blackness in der Renaissance verbunden sind, wie Animalismus, ein Mangel an Kontrolle, Barbarismus, besetzt. All das widerspricht seiner bisherigen offiziellen Rolle als extrem kontrollierter ehrenhafter General. Shakespeare geht also bewusst darauf ein, dass das, was als natürliche Trennlinie dargestellt wird, paradoxer, ambivalenter, widersprüchlicher ist.

Allerdings bestätigt das Stück am Schluss die Stereotype. Während der Proben begleitet uns die Frage, wie wir es vermeiden, Rassismus zu reproduzieren.

Othello ist eindeutig der Held des Stückes. Und es ist eine Tragödie, dass er scheitert. Deshalb heißt das Stück ja auch „tragedy of the moor“. Zugleich ist das Stück selbst nicht frei von problematischen Annahmen über Race, über Gender, über Klasse. Obwohl Othello der Held ist, bestärkt er am Ende tatsächlich die Kernstereotype über schwarze Männlichkeit. In vielen Szenen zeigt sich Othello als sehr reflektiert. Doch obwohl er weiß, dass er anders handeln könnte und sollte, kann er es am Ende nicht. „Othello“ ist ein Stück über Ambivalenzen. Alle Figuren müssen sich mit Ambivalenzen auseinandersetzen und die Art, wie sie es tun, lässt uns erkennen, was sie für Personen sind. Durch diese Ambivalenzen beschreibt Shakespeare alle als Opfer und zugleich als Täter. Dem Zuschauer wird gezeigt, dass es zu einer Tragödie führt, wenn wir in bestimmter Weise mit Ambivalenzen umgehen, und was Ambiguitätstoleranz eigentlich ist.

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