Archiv: Monte Rosa

Landestheater Theaterwerkstatt

von Teresa Dopler
URAUFFÜHRUNG
In Zusammenarbeit mit uniT Graz und der Literaturförderung der Landesregierung Niederösterreich

Einführung / Kurzbeschreibung

von Teresa Dopler
URAUFFÜHRUNG
In Zusammenarbeit mit uniT Graz und der Literaturförderung der Landesregierung Niederösterreich

Dichte Dunstwolken liegen in den Tälern, die Gletscher sind abgeschmolzen, und nur hoch oben in den Alpenmassiven sind noch Bergsteiger unterwegs. Gut trainiert und bestens ausgerüstet sind sie immer am Weg auf den nächsten Gipfel, dorthin wo die Luft am saubersten ist. Drei von ihnen begegnen sich unterwegs, man scannt freimütig Gesundheit, Alter und Fitness, um den Wert des Gegenübers zu ermessen, und eventuell eine vorübergehende Partnerschaft auszuhandeln. Schnell wird klar, dass hier fragwürdige Werte und eigenartige Umgangsformen gelten. Die Vergangenheit und alles abseits der Berge scheint vergessen, auch Gesichter merkt sich niemand mehr, und über den Tod des eigenen Partners im Steinschlag kommt man schnell hinweg. Anstatt menschlicher Gefühle herrscht ein stählerner Optimismus. Fast scheint es so, als könne diese Bergsteiger nichts mehr in ihrem Dasein erschüttern…

„In einfachen, knappen, mitunter sehr humorvollen Dialogen und vor der erhabenen Kulisse nebliger Berge entwickelt Teresa Dopler in ‚Monte Rosa‘ ein erschreckendes Zukunftsszenario zwischen romantischer Schönheit und globaler Zerstörung …. Die Perspektiven kippen in diesem veritablen Schauspieler-Text immer wieder von scheinbar gefestigtem Boden auf unsicheres, ja beängstigendes, verstörendes Terrain.“ (Christine Wahl: Laudatio zur Vergabe des Peter-Turrini Stipendiums)

Der Regisseur Daniel Hoevels hat bereits die prämierte szenische Lesung von „Monte Rosa“ im Rahmen des Stücke-Fests 2019 eingerichtet. Nun zeichnet er für die Uraufführung des fertiggestellten Stückes verantwortlich, das keine geringere Frage stellt als die nach dem Wert des Lebens selbst.

In Zusammenarbeit mit uniT Graz und der Literaturförderung der Landesregierung Niederösterreich.

Pressestimmen

"Doplers Figuren sagen wenig, aber dieses Wenige sitzt. Wie es genau um die Welt jenseits der Gipfel bestellt ist, bleibt etwa für uns vage. Doch die Gletscher schmelzen, die Berge bröseln, die Menschen sind offensichtlich zu selbstoptimierten Einzelkämpfern vereinsamt.
"Erst letzte Woche war ich wieder am Matterhorn." – "Ich war erst gestern", heißt es da mit feinem Humor."

Der Standard

Interview mit Teresa Dopler

FEINE RISSE IM HARTEN FELS

Teresa Dopler zeichnet in ihrem Stück MONTE ROSA Figuren, die einer entrückten Welt entstammen, aber doch – und vielleicht gerade dadurch – ein Schlaglicht auf Schieflagen unserer Gesellschaft werfen. Ein Gespräch über ihre Arbeit, die Figuren des Stücks und die Welt, die sie um diese herum erschaffen hat.

Wie beginnt für dich die Arbeit an einem neuen Stück?

Meistens steht am Anfang ein Ort, zwei oder mehr Figuren, die aufeinandertreffen, und die Dynamik, die sich zwischen diesen Figuren entwickelt. Diesen Keim kann man dann in die verschiedensten Richtungen lenken und weiterdenken. Die Dynamik, die sich zwischen den Figuren ergibt, hat auch viel mit Sprache zu tun, welche Sprache verwenden diese Figuren, welchen Ton, welchen Rhythmus…

Wie hat der Erhalt des Peter Turrini - Dramatiker*innenstipendiums die Entwicklung des Stücks beeinflusst?

Geld und Anerkennung sind für einen Autor wichtig und schön, ganz klar, das erleichtert die Arbeit und gibt einem das Gefühl, dass das, was man tut, wahrgenommen wird, - das setzt auch Energien frei. Den Text an sich beeinflussen diese Dinge aber wahrscheinlich weniger. Die Figuren, die Themen und die Sprache, die einen umtreiben, bahnen sich so oder so ihren Weg. Das ist ja auch immer eine Suche, die sich durch mehrere Texte zieht, eine Art andauernde Forschungsarbeit, die man da betreibt. Aber wie überall gilt, je mehr Zeit und Freiheit man hat, desto genauer und besser kann man arbeiten, und darum sind Förderungen wie das Peter Turrini - Dramatiker*innenstipendium natürlich großartig.

Die Figuren in MONTE ROSA definieren sich als Bergsteiger. Was ist deine Verbindung zur Bergwelt?

Ich bin sehr gerne in den Bergen, aber eher auf gemütlichen Wegen, wo ich mich von Pensionisten überholen lasse.

Wofür steht sie im Stück?

Man kann es sicher auch als Metapher lesen, aber für mich ist diese Bergwelt vor allem eine fiktive Welt, ein geschlossenes Universum und im Grunde auch ein sehr absurder Schauplatz. Die Pfade, Gipfel und Täler gibt es zwar alle wirklich, aber die Distanzen und die Dimensionen sind seltsam verschoben. Auch die Figuren sind ja keine „herkömmlichen“ Bergsteiger. Sie sind in den Bergen unterwegs, seit sie sich erinnern können, und ich habe fast den Eindruck, dass man es hier mit einer eigenen Spezies zu tun hat, als wären sie irgendwann einmal aus einer Felsspalte gekrochen. Es sind Figuren, die ihrer Umgebung entspringen, die Berglandschaft ist also sehr bestimmend für das Stück. Gleichzeitig wirken die Drei vor der Kulisse dieser monumentalen Gebirgsketten und Gipfel am Ende fast zerbrechlich und irgendwie verloren, in diesem Kontrast bewegt sich etwas.

Zeichnet dein Stück eine gesellschaftliche Dystopie? Auch in Hinblick auf den Klimawandel?

Es gibt ein paar Spuren im Text, die vielleicht in die Zukunft weisen, die schmelzenden Gletscher, die bröckelnden Alpen… Aber ich glaube, wenn es eine Dystopie ist, dann vor allem eine menschliche oder gesellschaftliche: Das sind die Werte, die diese Figuren hochhalten, der Umgang miteinander und der beschränkte Gefühls- und Erfahrungshorizont, den sie haben. Alles natürlich zugespitzt und übertrieben, dadurch bekommen diese Bergsteiger wahrscheinlich auch etwas sehr Komisches.

Die Figuren in MONTE ROSA scheinen fragwürdige Werte hochzuhalten.

Ja, es sind fragwürdige Werte, nach denen diese Bergsteigerfiguren ihr ganzes Sein ausrichten. Da wird einerseits die körperliche Leistung, die Gesundheit und die Jugend beschworen, gleichzeitig durchdringen viele Ideale auch das Innerste der Figuren: Ein guter Bergsteiger ist voller Freude und Optimismus, er hegt keine Zweifel oder Ängste, und er kennt keine Trauer.  - Alles, worum man trauern könnte, wird vergessen. Das Vergessen begleitet sie die ganze Zeit, sie vergessen Gesichter und Begegnungen, Verluste und Verletzungen, diese Figuren haben ein Gedächtnis wie ein Sieb.

Den Bergsteiger*innen ist kein Geschlecht zugeschrieben…

Beim Schreiben hat das Geschlecht der Figuren irgendwann tatsächlich keine Rolle mehr für mich gespielt, ich hatte es nicht mehr vor Augen. Das war aber ein Prozess: Am Anfang gab es noch Zuordnungen, die haben die Entstehung der Figuren aber eher behindert - je mehr ich mich mit diesen Bergsteigern beschäftigt habe, desto uninteressanter wurde für mich die Frage, ob die nun männlich oder weiblich sind. Das sind so seltsame Wesen, die kennen solche Kriterien gar nicht.

Die Frage nach dem Geschlecht von Figuren wird mich aber noch länger beschäftigen. Ich finde es reizvoll, Theaterfiguren zu schreiben, die keinem Geschlecht zugeordnet sind, Figuren, die einfach Menschen sind oder Menschlein, oder zumindest menschenähnliche Wesen. Ich finde, das macht eine Figur interessanter und weiter; - und man kommt schneller zum Kern, weil der Kern ist ja bei allen der Gleiche.

Ist (Zwischen-) Menschlichkeit in dieser Welt noch vorhanden?

Für mich war relativ bald klar, dass das keine Menschen sind, wie man sie kennt, dass ihre Gefühlswelt ganz anders funktioniert, dass ihr Verhalten anders ist. Am Anfang waren sie mir vor allem unheimlich, dann wurden sie mir immer sympathischer, so emotional beschränkt und hohl wie die sind, bekommt man irgendwann Mitleid. Es sind ja keine bösen Figuren, sie kennen es einfach nicht anders.

Im Stücktext ist kaum Interpunktion vorhanden. Beim Lesen entsteht ein dauernder Lesefluss, der nur durch wenige Absätze unterbrochen ist. Soll es kein Anhalten, kein Durchatmen geben? Auch nicht für die Figuren?

Ja stimmt, Satzzeichen in einem Theaterstück kommen mir oft überflüssig vor: zum Beispiel etwas als Frage oder als Ausruf zu markieren. Ein Schauspieler kennt ja so viele Variationen und Nuancen - wie ein Satz am Ende gesprochen wird, kann ich mir als Autorin eigentlich gar nicht vorstellen. Ich glaube dadurch entsteht im Gegenteil vor allem viel Raum für Pausen, Stille, kurze Momente, manche Sätze bleiben so in der Luft hängen - da gehen feine Risse durch die Figuren, vielleicht ein Zögern oder In-Sich-Gehen, ein Warten, - da passiert vielleicht etwas in den Figuren, das sie selbst gar nicht benennen können.

Über lange Strecken habe ich auch den Eindruck, dass ihnen das Sprechen miteinander schwerfällt. Dass sie zwar die Konventionen eines Gesprächs kennen, aber trotzdem irgendwie nach den Sätzen ringen…

Wo liegt die Verbindung zu unserer Realität?

Das Stück ist irgendwo sehr entrückt, aber vielleicht trifft es trotzdem einen Nerv der Zeit: die Aushöhlung des Einzelnen durch den Glauben an Leistung und Optimierung, das Verinnerlichen von zwanghaftem Optimismus und Selbstdarstellung. Was so ein Gesellschaftssystem von uns verlangt, betrifft uns ja nicht nur äußerlich, ich bin mir sicher, es verändert auch unsere Wahrnehmung, unser Verhalten und am Ende unsere Gefühle. Das ist unheimlich.

Pressestimmen

"Fazit: Eine fesselnde, darwinistische Dystopie über die moderne Leistungsgesellschaft." NÖN

"Doplers Figuren sagen wenig, aber dieses Wenige sitzt. Wie es genau um die Welt jenseits der Gipfel bestellt ist, bleibt etwa für uns vage. Doch die Gletscher schmelzen, die Berge bröseln, die Menschen sind offensichtlich zu selbstoptimierten Einzelkämpfern vereinsamt.
"Erst letzte Woche war ich wieder am Matterhorn." – "Ich war erst gestern", heißt es da mit feinem Humor."
Der Standard

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