ÜBER DIE BEDEUTUNG ZEITGENÖSSISCHER GEGENWARTSDRAMATIK
Impulsrede im Rahmen des Stückesfestes des Landestheaters St. Pölten
von Miroslava Svolikova

„verrenkte hälse oder das universum murmelt vor sich hin"

ÜBER DIE BEDEUTUNG ZEITGENÖSSISCHER GEGENWARTSDRAMATIK
Impulsrede im Rahmen des Stückesfestes des Landestheaters St. Pölten
von Miroslava Svolikova

„verrenkte hälse oder das universum murmelt vor sich hin"

 

1. SPRECHEN
was ist ein zeitgenössischer dramatiker, ich meine, eine zeitgenössische dramatikerin,
zeitgenössische dramatiker -
das ist jemand, eine, die, der texte fürs theater schreibt und noch lebt dabei. also vielleicht nur
nebenbei, wirklich nur nebenbei auch noch lebt, so genau ist das nicht definiert.
also jemand, der, die sprache produziert für das theater.
das theater besteht ja zu nicht unwesentlichen teilen aus sprache, das theater, also das sprechtheater.
gegenwartsdramatik produziert sprechen, was ist die sprache im sprechtheater?
sprache ist verbindung und trennung und vermittlung und einbildung und ausbildung und alles
mögliche und überhaupt ganz vieles.
aber sprache ist auch vorstellung: sprache ist verhandlung und vorstellung. sprache ist nicht nur
sprache, sprechen ist nicht nur sprechen.
im sprechen ist auch schon ein ort und eine position.
sprechen ist schon verhandeln.
im sprechen ist eine vorstellung drinnen, ein thema, im sprechen ist eine verhandlung drinnen, eine
vorstellung, ein thema, ich packe meinen rucksack, im sprechen sind schon die figuren drinnen, die
sich selbst verhandeln, im sprechen kann alles drinnen sein, da kann ein ganzes leben drinnen sein,
oder die vorstellung von einem leben, im sprechen kann sich eine ganze gesellschaft verhandeln, im
sprechen verhandeln wir uns täglich alle selbst, in der endlosen sprache -
ich packe meinen rucksack. was ist da noch alles drin. im sprechen ist das thema drinnen und seine
form. im sprechen sind die vorstellungen drinnen und das thema und die form und die figuren und
die situation.
im sprechen vom sprechtheater. im rucksack.
das sprechen, sich entäußern, das sich verbinden, das kommunizieren, das sprechen ist wie ein
ätherisches band, das uns durchschüttelt und einlullt, das uns beutelt und ausspeibt, uns manipuliert
und erweckt, das durchfließt durch uns und aus uns heraus, das nicht endet, das nicht aufhört, das
sich aufdrängt, das abgewürgt werden will und verändert und bezwungen und verwendet, ein band,
das uns ausmacht, verbindet - sprache umschließt ja vieles in ihren ätherischen händen. sie teilt worte und vorstellungen aus, sie
gibt menschen ein verständnis, sich selbst zu artikulieren, und sich zu verändern. (oder, wenn man
möchte, zu bleiben, wer man ist und war) sie gibt die gabe der verortung, die verortung, wo man ist,
und wo man hinwill, wo man war, und wo man nicht hinwill, als gesellschaft, als einzelner -
das sprechen ist lebendig, es lebt, es murmelt vor sich hin, immer schon, es murmelt aus sich
heraus, vor sich hin, in die welt hinein und aus der welt heraus, oder nicht?
die welt murmelt ohne unterbrechung zurück.
das universum murmelt vor sich hin, sendet kleine schallwellen, sendet endlose schallwellen in den
äther, in den raum, in die zeit. das gehirn schläft nicht, die globale welt, der bildschirm, unserdenken:
es wird nicht geschlafen. es wird nicht mehr geschlafen: niemand schläft.
der schlaf hat ein ende. und wenn doch, wenn doch einer schläft -
im schlaf redet das unterbewusste weiter, das unbewusste, das kollektive gedächtnis. keiner schläft,
keiner entkommt, nichts ist stumm. das sprechen hat kein ende, das sprechen muss nicht zum leben
erweckt werden, das sprechen braucht keine reanimation:
das sprechen braucht eine kollaboration, im besten sinne, im besten sinne: eine fröhliche
vereinigung aller möglichkeiten.
kommunikation in alle richtungen, kommunikation aller medien.
kommunikation mit den körpern, kommunikation mit den zuschauern, mit den möglichkeiten, den
unmöglichkeiten, dem vorhandenen, dem möglichen, dem unmöglichen, und mit den zuschauern.
die sprache des sprechtheaters sind nicht nur worte, die einem sprecher aus dem mund und auf den
boden tropfen, oder die sich die figuren auf der bühne zuschieben, auch nicht das material, das sich
die figuren auf einer bühne zuwerfen, und nicht das textmaterial, das jemand einer regie zuwirft.
die theaterautorin, der theaterautorin, trägt zur stoff - und figurenvielfalt, zur sprach und
situationsvielfalt, zur emotionsvielfalt des theaters bei. der theaterautor trägt zur lebendigkeit und
aktualität dessen, was im theater verhandelt werden kann, bei. das theater trägt als ort der
verhandlung vielleicht zu einem fröhlichen zusammenspiel verschiedener richtungen bei,
aufeinander zu, verschiedener arbeitsweisen: aufeinander hin. im theater findet kommunikation
statt.

2. INSZENIERUNG
das theater ist aber nicht der einzige ort, an dem inszenierung stattfindet.
die ganze welt ist eine bühne, ich würde meinen, im digitalen zeitalter ist sie es noch viel mehr.
mehr als jemals zuvor und zwar ohne unterbrechung, und ohne entkommen.
ich weiß nicht wie es anderen da geht, aber ich schalte die nachrichten ein, ich sehe, eine bühne,
schlage die zeitung auf, digital meinetwegen, eine bühne, social media, endlose bühne, ich sehe
überall und überhaupt nur noch bühne, bühne und bühnen, es bühnt, da bühnts, da bühnts ganz
schön.
wer spricht wo in welchen bildschirm hinein und erzählt welche geschichte?
welche erzählung gilt, welche geschichte wollen wir glauben, welche geschichte holt uns ab, welche
emotionen kanalisieren wir denn heute, welche geschichte kanalisieren wir denn heute wem rein.
über wen reden wir drüber, wen reden wir drüber, wen reden wir in grund und boden, über welche
leben fährt man drüber mit seinen reden, mit seinen beschlüssen, zum beispiel.
welche lieder werden gesungen und waren nicht bekannt, welche gedichte werden geschrieben und
waren nicht so gemeint, welche bilder werden zerschnitten und keiner wars, welche geschäfte
abgewickelt im strandhaus, wessen narrativ gilt, wessen vision1: wer erzählt wessen wovon und
wem.
die inszenierung hält sich immer für die realität.
na moment, sagt die realität, ich gehör aber allen, ich gehör allen, sagt die realität. ich gehör nicht
nur denen, die es sich leisten können.
ich auch, sagt der traum, ich auch, ich gehör auch allen, oder nicht?
wer inszeniert wen und wo? wir haben glück, hier, und das kommt uns selbstverständlich vor, ohne
es wirklich zu sein, denn es gibt eine vielfalt der orte, wo einer operieren kann, von denen heraus es
inszeniert, herausdiskutiert, sich artikuliert, aus denen heraus gesprochen wird, wo meinung sich
bildet, möglichkeiten sich eröffnen können.
horte der möglichkeiten, orte des möglichen?
räume, um das gegenwärtige zu beherbergen, schutzherrin dieser verbindungen zu sein, dieser
möglichkeiten. offen, in alle richtungen zu kommunizieren, fröhliche vereinigungen zu bilden, mit
medien, körpern, gedanken, mit jedem, der sich darin verfängt, multiplizität der orte des
gegenwärtigen. das theater. auch so ein raum?

3. ZEITAKTUALITÄT
das zeitgenössische will sich auch in der sprache, in den themen, in der form reflektieren. es geht
um das setzen von etwas, um die eigenständige auseinandersetzeung mit themen.
das zeitgenössische muss aktuell sein und darf es nicht zu sehr sein wollen. das aktuelle darf nicht
in der reinen zeitaktualität ersticken, zumindest nicht in der reinen aktualität die so eng ist, dass sie
morgen schon nicht mehr aktuell ist. das aktuelle muss immer auch ein stückweit schon über sich
hinaussehen, über sich hinausgehen, einen blick weiter sein. die reflexion hat ein drittes auge, das
schaut weiter, das schaut hinaus, das ist sich selbst voraus, vielleicht.
es braucht einen blick, der sich daraus speist, wo er steht, der sich selbst verorten kann, der die
eigenen gegenwart sieht, der nach vor blicken kann, aber auch zurück, der auch zurückblicken kann,
ein stückweit. ist kultur nicht immer auch eine auseinandersetzung mit dem, was schon war, was
einen konstituiert, mit dem alten?
sieht eine gesellschaft sich nicht, in der eigenen geschichte, im kanon zb., im alten sediment?
sieht man den umriss der fläche, kann man den umriss der fläche sehen, auf den man selber gerade
steht, während man sich umdreht, zur eigenen geschichte hin? sieht man sich selbst, sobald man
sich umdreht, kann man den eigenen weg sehen, den eigenen schatten? vielleicht sieht man sich
aber auch schon nicht mehr so genau, im umdrehen. vielleicht sieht man sich ja selber gar nicht so
gut mit verrenktem hals? wenn man sich ständig umdrehen muss.
vielleicht will ich mich als frau gar nicht sehen, in diesem umriss, irgendwo da hinten, da winkt
irgendeine traurige nebengestalt, eine dümmliche gedemütigte nebenfigur, geschwängert, entehrt,
vertrieben und ermordet, einmal so und einmal so, ach gretchen, lulu, ach lottchen, du süßes mädel,
deren namen ich nicht kenn, ach ach -
manchmal stranguliert sie ihre kinder, weil sie es satt hat, manchmal darf sie hysterisch sein, fast
immer dumm, fast immer unbedeutend, fast immer mit dem aufwischen beschäftigt, mit der
aufbereitung des bodens, auf dem die hauptfiguren dann ihr drama ausbreiten, die wirklichen
menschen, die echten heroen -
die figuren bleiben gefangen in ihrer zeit. wer holt sie heraus? die sprache? die welt? wir?
über alte tapeten kann man drüberstreichen, aber auch nur so oft, irgendwann kann man sie noch
ausstellen, aber irgndwann hat man es auch schon satt, immer die alten tapeten zu sehen,
irgendwann muss man sie runterreißen, vielleicht sollte man einfach das ganze haus abreißen, das
ganze haus einreißen warum nicht, das ganze haus, überhaupt alles, und eine shoppingcenter
hinbauen und alles ist gut.
(pause.)
(schweigen.)
nein, kein shoppingcenter.
wir wollen trotzdem über das aktuelle nachdenken, über das zeitgenössische sprechen, über die
zeitgenossenschaft im theater.
ein sprechen, das nicht im eigenen moment erstickt - das nicht zu nah an sich selbst ist, einerseits;
das nicht im ständigen sich umdrehen stecken bleibt, andererseits.

4. ZEITGENÖSSISCHE DRAMATIK
das aktuelle zu verhandeln in der dramatik: was ist nochmal das neue, oder wie genau sieht das aus
wie sieht es aus, so ein sprechen - das sprechen, in dem alles schon drin sein kann: wie sieht das
aus, oder wird man das erst im rückblick gesehen haben.
oder suchen wir das alle, ist es vielleicht gerade und ständig dabei, sich selber zu suchen. im
großen, im ganzen, im ganz kleinen, im ephemeren, und überall dazwischen auch?
wer sind wir, wer bin ich, und die da hinten, was gehört dazu, reflexionen dessen, was eine
gesellschaft über sich selber weiß, in all den formen, in denen sie über sich nachdenken kann und
muss, bezug des ichs zur welt, des wir zum ich, des ich zum du, das du, du du, das wir, und die dort
erst, da hinten, und wir hier vorne, alle, auf den seiten, verzeihung, darf ich mal durch, ich, du, wir,
sie, sie auch, du auch, du auch oder was? brutus? wer ist noch da, usw. das ist kaum zu überblicken.
das ist eigentlich schön, wenn das nicht so einfach zu überblicken ist, wenn das nicht immer zu
überblicken ist, im großen und ganzen, wenn das immer ein versuch bleibt. wenn hin und wieder
dann doch immer wieder draufgeblickt wird.
in diesem sinne, gebe ich weiter, vielen dank.

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