Dramaturgin Julia Engelmayer im Gespräch mit der Politikwissenschafterin Dr. Daniela Ingruber von der Donau-Universität Krems und dem Austrian Democracy Lab.

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Der Parasit mitten im Wahlkampf

Dramaturgin Julia Engelmayer im Gespräch mit der Politikwissenschafterin Dr. Daniela Ingruber von der Donau-Universität Krems und dem Austrian Democracy Lab.

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Während die Proben für DER PARASIT über die Bühne gehen, befindet sich die Republik Österreich mitten im Wahlkampf zur vorgezogenen Nationalratswahl und eine   Expertenregierung leitet die Geschicke des Landes. Interessante politische Zeiten, deren Vorgeschichte und Phänomene sich verschiedentlich auf die Komödie von Friedrich  Schiller beziehen lassen. Dramaturgin Julia Engelmayer im Gespräch mit der Politikwissenschafterin Dr. Daniela Ingruber von der Donau-Universität Krems und dem Austrian Democracy Lab.

Die politische Situation ist die Folge eines Skandals und auch die Handlung von „Der Parasit“ setzt nach einem politischen Skandal ein. Welche Bedeutung haben politische Skandale? Verändern Sie überhaupt das Bewusstsein der Menschen? Nehmen wir einmal den bekanntesten aller Politskandale als Beispiel, Watergate. Die Watergate-Affäre hat sehr viel verändert und ist noch immer im Bewusstsein der US-amerikanischen Bevölkerung verankert. Das Enttäuschende war, dass jemand, dem die
Menschen wirklich vertraut haben, denn dem damaligen Präsidenten Nixon wurde sehr vertraut, buchstäblich bis zur letzten Sekunde gelogen hat. Das hat zu dem geführt, was wir heute als Politikverdrossenheit kennen. Diese persönliche Enttäuschung – jemandem seine Stimme zu leihen oder zumindest überzeugt zu sein, dass diese Person integer ist und ihren Job macht, dann aber festzustellen, dass alles abgesprochen ist – war für viele Menschen sehr groß und das Ausmaß der Affäre, zu sehen, was alles machbar ist, wie man Dinge verheimlichen und an der Demokratie vorbei organisieren kann, war schockierend.
Politische Skandale zerstören das Image der Politik. Auch wenn ein Skandal strafrechtlich nicht relevant ist, wie im Fall von Ibiza, so ist er demokratiepolitisch unendlich bedenklich.
Im Moment kann man jeden Tag irgendetwas lesen, wodurch das System an sich in Frage gestellt wird.

Bedeutet das, dass Skandale einer populistischen Politik in die Hände spielen? In der Wahrnehmung vieler Menschen sind undifferenziert „die da oben“ an einem Skandal Schuld, „die Elite, die immer gegen uns war“. Im schlimmsten Fall heißt es dann, dass sich ein Verhalten quer durch alle Parteien zieht und „eh alle gleich sind“. Damit werden alle unglaubwürdig und gerade solche, die so gar nicht dem Politikerimage entsprechen, die unter anderen Umständen nicht aufkommen würden, wie Donald Trump und Boris Johnson, können dann umso erfolgreicher agieren, weil sie für eine Politik gegen das Establishment stehen.

Abgesehen von der Auflösung der Regierung und den vorgezogenen Neuwahlen – wie ist die politische Öffentlichkeit mit dem Ibiza-Skandal umgegangen?
Theoretisch hätte das Ibiza-Video auch ein Anlass sein können, um danach intensiv über Machtpolitik und Korruption nachzudenken. Aber die damaligen Regierungsparteien  haben es sehr schnell geschafft, die Frage umzudrehen. Im Vordergrund stand dann, dass der Prozess der Aufnahme an sich illegal war, während dieInhalte aus dem Focus gerückt wurden.
Da sind wir schon bei der Message- Control, die auch Selicour sehr gut beherrscht: Die Nachrichten so zu drehen, dass sie für ihn sprechen. Selicour schafft sich die Situationen so, wie er sie braucht. Er weiß, was er La Roche angetan hat und dass er da freundlich sein muss. Er hat ja zur Sicherheit sogar schon eine neue Stelle für ihn geschaffen. Aber  wenn sich eine Situation dreht, wie hinsichtlich des Memoirs, hüpft er von einer Position zur anderen. Je nach dem, was gerade opportun ist.

Was ist wichtig, damit die Message Control funktioniert? Man muss ja immer glaubwürdig bleiben. Eine der wichtigsten Regeln ist: Kenne dein Publikum. Was denkt und erwartet der andere, was braucht mein Gegenüber, was will er oder sie hören?
Und, das ist ganz wichtig: Wie formuliere ich es so, dass der andere nicht bemerkt, dass ich bemerkt habe, was er braucht. Selicour kann genau das – er redet den anderen nicht nur nach dem Mund, außer vielleicht in der einen Szene mit Narbonne, sondern Selicour ist ihnen immer einen Schritt voraus. Message-Control ist viel Arbeit. Es ist unheimlich  anstrengend, eine perfekte Kommunikationsstrategie durchzuhalten.

Bei Selicour fällt auch auf, dass er nicht nur die Gedanken, sondern auch die Gefühle der anderen aufnimmt oder vorwegnimmt. Emotion ist eine der Grundregeln überhaupt. Wenn ich die Menschen emotional erreiche, merken sie gar nicht, dass ich weniger Inhalt bringe bzw. brauchen  sie weniger Inhalt. Da sind wir uns übrigens alle ähnlich. Auch hochintellektuelle Leute fallen darauf rein. Dazu kommen die bekannten Techniken des NLP, die sehr genau  vorgeben, wann ich jemanden anschaue, wann ich vorbeischaue, wie ich mein Gegenüber spiegle, wie sehr ich die Tonalität der Sprache des Gegenübers annehme.

Welche  Emotionen wünschen sich Menschen von Politikern? Das Gefühl von Sicherheit und dass jemand erkennt, wer sie sind. Dass sich jemand um sie kümmert. Deshalb ist eine Rhetorik voller Stehsätze erfolgreich, wie: Ich bin ganz bei Ihnen. So meine ich es. Wir arbeiten da schon dran. Ich verstehe Sie! Deshalb funktionieren im Wahlkampf Bilder mit  Kindern, älteren Frauen, Feuerwehrmännern so gut. Diese Bilder erzählen, dass da jemand von seinem oder ihrem Podest heruntersteigt und sagt, ich bin gleich wie du.

Diese Gleichheitsrhetorik verwendet Selicour beim Diener Michel. „Kein Unterschied zwischen uns.“ Er stellt sich mit ihm auf eine Ebene. Deshalb geht man im Wahlkampf wandern, fragt  die Leute, wie es ihnen geht und zeigt in einem Video, wo man aufgewachsen ist. In den Inszenierungen werden Hierarchien eingeebnet und man versucht zu vermitteln, dass man dieselbe Sprache spricht. Den Menschen ist schon klar, dass das nur Momentaufnahmen sind. Aber das Selfie mit den Kandidaten ist trotzdem ganz wichtig als emotionales Highlight, und dadurch trägt die Bevölkerung den Wahlkampf selbst weiter. Das Selfie mit Kandidaten und Kandidatinnen wird gepostet und geteilt. Das nützt jede  Partei, die eine besser als die andere. Dort, wo der offizielle Wahlkampf endet und über Handys der Wähler fortgesetzt wird, wirkt die Emotion besonders gut. Auch im Stück  beschleunigt der inoffizielle Rahmen die Pläne des Selicour. Auf dem Fest bei Narbonne erreicht Selicour seine Ziele – bis er entlarvt wird. Der Politiker „als Privatperson“ kann  etwas anderes erwirken als bei der Rede im Parlament.

Bevor das Fest beginnt, spielt das Stück „in einem Vorgemach des Ministers“. Unsere Inszenierung übersetzt das in einen  ewigen Flur für informelle Gespräche. Wo wird Ihrer Erfahrung nach Politik gemacht? Ich habe selbst im Parlament gearbeitet und festgestellt, dass in den Plenarsitzungen  hauptsächlich Reden gehalten werden. Das ist wichtig für das Darstellen der eigenen Positionen, doch die wirklichen Dinge passieren woanders. Die konkrete Arbeit findet in den  Ausschüssen und anderen Sitzungen statt. Dort wird auch mit Experten und Expertinnen gearbeitet. Und ganz viel entsteht in der Cafeteria des Parlaments. Das ist ein bekannter  Ort, wo man sich auf einen Spritzer oder einen Kaffee hinsetzt und gemeinsam über Pläne diskutiert. Das geht oft recht informell, auch über Parteigrenzen hinweg, denn man kennt einander teilweise jahrelang.

Aber das Parlament wird derzeit umgebaut. Wir haben wirklich eine außergewöhnliche Situation: Eine Expertenregierung und keine Cafeteria! Ein anderer Ort für informelle Gespräche ist das Café Landtmann in Wien. Und viele Gespräche findentatsächlich auf den Gängen statt. Das Parlament hat unendlich viele  Gänge! Als ich „Der Parasit“ gelesen habe, musste ich gleich daran denken. Ein berühmtes Beispiel für diese Art der Politik waren Erwin Pröll und Michael Häupl, die einander  ehr geschätzt und viele Dinge informell vereinbart  haben. Ich halte das aber auch für ganz wichtig. Man muss miteinander reden. Ansonsten bleibt es immer dabei, dass die eine  Partei das eine sagt, und die andere das andere. Viele Dinge müssen auf informeller Ebene passieren, besonders dann, wenn die Menschen nicht miteinander können.

Sympathie und Vertrauen sind wichtige Werte in der Besetzung von Ministerien. Im Stück sehen wir mit Narbonne jemanden, der im Wunsch nach einem engen Mitarbeiter, sehr  schnell Vertrauen zu Selicour aufbaut. Selicour selbst wünscht sich einen neuen Bürochef. Heute liest man in den Medien immer wieder, dass mit einem Regierungswechsel viele  neue Leute in die Ministerien kommen. Wie flexibel ist der Apparat? Das System in der Verwaltung ist sehr flexibel. Es ist völlig normal, dass Minister ihre Leute mitbringen. Weniger gut ist es, wenn die neuen MitarbeiterInnen Stellen bekommen, die die eigentlichen ExpertInnen in ihrer Arbeit einschränken. Oder wenn, wie es Herbert Kickl gemacht  hat, kurz vor dem Ende noch langfristige Verträge abgeschlossen werden. Aber selbstverständlich können sich die MinisterInnen MitarbeiterInnen holen, denen sie vertrauen.  Man muss mit der Person viel Zeit verbringen. Auch Selicour hätte heute ein gutes Team hinter sich, das ihn auch bei seiner Message-Control unterstützt und ihn erhöht.

Politik  hat ein gewisses Eigenleben. Auch in unserer Inszenierung dreht sich der Apparat immer weiter und die Figuren müssen damit umgehen. Es gibt ja die Theorie, dass die Politik  und die Sachzwänge den Einzelnen immer überrollen. Wie sehen Sie das? Wie viel Gestaltungsenergie geht im System verloren? Genau an dieser Frage scheitern die Quereinsteiger. Quereinsteiger sind zwar für die Wahlwerbung ganz hilfreich, aber mit dem politischen Alltag kommen sie oft nicht zurecht, weil sie nicht wissen, dass man die  idealistischen Ideen, die man hat, nicht einfach umsetzen kann, sondern dass man durch den Parteiapparat muss. Ich bin ja der Meinung, dass Parteien etwas unendlich  Überholtes sind und wir uns mehr in Bewegungen organisieren müssten, die zu einem bestimmten Thema arbeiten oder zu einem anderen. Im Moment haben eher jene Politiker gute Chancen, die von jung auf in der Politik sind und dort heranwachsen. Dieses Phänomen hat es schon einmal in den 70er, 80er Jahren des letzten Jahrhunderts gegeben. In  er Partei Freunde aus der Jugendzeit zu haben, ist von großem Vorteil. 20 Jahre später hat man ein tief verwurzeltes Vertrauensverhältnis und bestens eingeübte  ommunikationsformen. Man braucht einander nur in die Augen zu schauen und weiß, was der andere denkt. Und natürlich gibt es ebenso gewachsene Feindschaften. Jörg  Haider und Alfred Gusenbauer hatten gemeinsam studiert und Eva Glawischnig und Herbert Kickl waren in einer Schulklasse und haben schon im Gymnasium ihre politischen Streits ausgetragen. La Roche und Selicour, die aus dem gleichen Dorf kommen, wissen voneinander sofort, wann der andere lügt. La Roche ist der Einzige, der immun ist gegen Selicours Schmeicheleien.

Vielen Dank für das Gespräch!

DER PARASIT
von Friedrich Schiller
Inszenierung Fabian Alder
ab 12.09.19

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