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Fabelhaft!Niederösterreich

am 22. und 23. Mai 2012 im Landestheater

Offene Stellen

Sommertheater in Niederösterreich 2012



Interview mit Brigitte Karner nach der Premiere von "Verstörung"

Das Interview mit Brigitte Karner nach der Premiere von "Verstörung"

"Die Welt ist tatsächlich, wie schon so oft gesagt, eine Probebühne,
auf der ununterbrochen geprobt wird." (Fürst Saurau)

Angelica Pral-Haidbauer: Frau Karner, ein Tag nach der Uraufführung. Wie groß war die "Verstörung" bei den Zuschauern?

Brigitte Karner (lacht): Nein, die Zuseher wirkten nicht verstört. Sie waren voll in der Geschichte, haben gelacht und am Ende applaudiert. Aber es war natürlich ein speziell interessiertes Premierenpublikum, das muss man schon auch sehen.

Angelica Pral-Haidbauer: Bernhard meinte selbst, seine "Verstörung" aus dem Jahr 1967 sei ein unheimliches Buch, das "den Leser ins Grauen hineintreibt"...

Brigitte Karner: Die Zeit hat sich sehr verändert. Für mich hat Thomas Bernhard unglaublich weit vorgegriffen. Dass der Roman damals kein Erfolg geworden ist, hat teils auch mit dem Titel zu tun. Da hatte sein Verleger Siegfried Unseld schon recht gehabt, der ihm von „Verstörung“ heftig abgeraten hat, aber Bernhard hat darauf bestanden. Darüber hinaus war halt auch die Zeit damals noch eine andere. Man hatte sich an Thomas Bernhard noch nicht gewöhnt, es war ja einer seiner ersten Romane. Aber die Zeit hat sich sehr verändert. Wenn ich heute täglich in St. Pölten in die U-Bahn nach Wien steige, finde ich so vieles aus seinem Text bestätigt: Die Verstörung der Menschen untereinander, die Fremdheit der Menschen, ihre Ratlosigkeit – für mich ist der Roman daher in der Realität überhaupt keine Bedrohung mehr. Er ist nur extrem gut geschrieben.

Angelica Pral-Haidbauer: Nach 92 Seiten Roman taucht der Fürst, ein mild-wahnsinniger Großgrundbesitzer auf, um die nächsten 140 Seiten lang zu reden. Ein Monolog über alles und nichts, Gott und die Welt, an dessen Ende der Selbstmord steht. Wie ist so etwas spielbar?

Brigitte Karner: Also, Karl Baratta, der früher ja auch Dramaturg war, ist ein sehr, sehr kluger Mann mit einer hohen Sensibilität, dem dazu schöne Bilder eingefallen sind. Man darf nicht vergessen, dass Hans Hollmann ja nur nach der Pause im zweiten Teil mit seinem Monolog vorkommt. Wir alle sprechen den Text, seine Schwester, seine Tochter, der Landarzt, sein Sohn – wir alle sprechen zum Teil auch den Monolog des Fürsten. Als seine Schwester bin ich sozusagen sein weibliches Pendant, aber auch der Fürst. Ich spiele ihn aber ganz eindeutig als eine Frau, eine sehr sinnliche, eigenständige Person, die sich diese Texte auch zu eigen macht. Es ist vom Ablauf daher eine Geschichte, nicht nur – wie im Roman – ein Monolog des Fürsten. Im ersten Teil wird gezeigt, wie der Landarzt mit seinem Sohn die Besuche macht, und da sieht man dann die verschiedenen Figuren, wie den Keiner, dessen Schwester ich auch spiele, oder am Anfang erzähle ich von dieser Gastwirtsfrau, die dann zusammen geschlagen wird. Es ist in diesem Sinne sehr kurzweilig, weil man viele Figuren trifft. Der Text ist also sehr klug aufgelöst.

Angelica Pral-Haidbauer: Regisseur Baratta hat gesagt, "Den einen Bernhard'schen Wortgewaltigen gibt es bei uns in dem Sinne, dass er auch durch andere Personen spricht. Der Fürst verfügt sozusagen über mehrere Identitäten und dieses Viele-in-einem-Sein ermöglicht es, dass andere seine Gedanken aussprechen können. Es ist theatralisch reizvoller, wenn der Text bei mehreren Personen aufgehoben ist; die Figuren sprechen auch im Kanon."

Brigitte Karner: Ja, wir sind verschiedene, eigenständige Personen und sprechen zum Teil auch den Monolog des Fürsten, sind ein Teil des Fürsten. Das kriegt aber der Zuseher auch mit.

Angelica Pral-Haidbauer: Hans Hollmann meinte im KURIER-Interview "Es ist ein unnarratives Stück, es erzählt nichts, es enthüllt. Ich finde es sehr reizvoll, was Baratta da fabriziert hat, dass da nirgendwo psychologischer Realismus ist, sondern Dinge nebeneinander passieren. Die "Verstörung" wirft Fragen nur auf: Bernhard reißt ein Thema an und lässt uns dann damit allein."

Brigitte Karner: Das ist richtig. Aber: Dann kommt das Theatralische dazu. Und dieses Theatralische ist, dass sich der Regisseur dazu Bilder ausgedacht hat, mit dem er das Ganze lebendig macht und im gewissen Sinne auffüllt. Ich als Schwester habe zum Beispiel einen Werdegang. Am Anfang bin ich eine meinem Bruder zugewandte, stolze Vergrößerung seines Ichs. Ich benutze seine Ideen, um auch mich ins Spiel ins zu bringen und gerate dann zunehmend mit ihm in Konflikt, weil er ein sehr monströser Egomane ist. Nachdem ich mich aber sehr wohl um seine Probleme, oder auch um seine Geräusche im Kopf kümmere, behauptet er am Ende dennoch, niemand hätte sich je um ihn gekümmert. Worauf es von mir sehr klare Reaktionen darauf gibt. Das heißt, ich erzähle sehr wohl eine Geschichte. Wenn er dann tot ist, gibt es vielleicht eine Trauer, aber es gibt auch immer noch eine Wut. Also es gibt eine Entwicklung. Das ist das, was die Schauspieler im Theater leisten müssen, und ich glaube, das ist uns auch gelungen.

Angelica Pral-Haidbauer: Es heißt, der Fürst ist Sprache. Die Sprache eines Denkens, das sich an den Rändern der Nacht bewegt. Ein solches Denken errichtet nicht Denkgebäude; es erschüttert sie. Die "Verstörung" als eine sehr kühle, eindringliche Form von Sprachtheater. Baratta meint dazu, diese Sprache wird zu einem Schatz, den man kollektiv heben kann.

Brigitte Karner: Das klingt sehr schön - und wir haben diesen Schatz lebendig gemacht.  Das hat man gestern an der Reaktion des Publikums als großes Kompliment erleben dürfen, weil diese schwierigen Texte von uns allen so gut verwaltet wurden, dass sie lebendig wurden. Nichts anderes soll und muss Theater leisten. Und das war auch die Frage, die Karl Baratta interessiert hat, was er überprüfen wollte, woran er geglaubt hat, und was uns vielleicht hoffentlich auch gelungen ist. Bei manchen Zusehern scheint das gestern auch aufgegangen zu sein, weil sie uns das gespiegelt haben. Sie sind uns mit einer unglaublichen Freude an den ganz tollen, gescheiten Formulierungen, die Thomas Bernhard für gewisse  Situationen und Menschen gefunden hat, gefolgt.

Angelica Pral-Haidbauer: Bernhards österreichischer Dichterkollege Herbert Eisenreich hat 1967 im SPIEGEL unter dem Titel "Irrsinn im Alpenland" eine erste Kritik über die "Verstörung" geschrieben. Dort heißt es: Keine Handlung, keine Distanz, kein Kontrapunkt -- das sind die drei Aspekte des einen Sachverhalts: keine Wahrheit. Eines Sachverhalts, der zwar der ganzen gegenstandslosen - und deshalb sich, irrtümlich, für modern haltenden - Literatur abzulesen ist, aber wirklich glaubhaft wird erst dort, wo ein Meister sich auf den Holzweg begibt -- wie eben Thomas Bernhard in seiner "Verstörung"...

Brigitte Karner: Sehr interessant. Eine sehr persönliche Ansicht. Ich muss dazu aber sagen, dass die Zeit hier sehr stark weitergegangen ist. Das Erleben des Buches, des Textes, ist heute ein völlig anderes als noch vor 30 oder gar 40 Jahren. Vielleicht auch, weil wir uns an Bernhard gewöhnt haben, weil danach noch viel härtere Brocken kamen. Das kann auch sein.

Angelica Pral-Haidbauer: Wie wünschen Sie sich, dass die Botschaft dieses Stückes beim Publikum ankommt?

Brigitte Karner: Also, das was gestern zu spüren war, und was ich auch so gut finde an der Sache, ist, dass wir eine Geschichte über Menschen erzählen. Wir erzählen diese auf einem sehr komplizierten, schwierigen Sprachniveau, aber doch auch so, dass es nicht abgehoben und fremd bleibt, sondern trotzdem sinnlich erfahrbar wird. Ich wünsche mir also, dass viele Vorstellungen so erhalten bleiben, wie wir das gestern erleben durften. Dass wir die Menschen erreichen können, dass, wenn sie rausgehen, sie zwar das Gefühl haben, "das war jetzt nicht ganz einfach", aber sie diese Geschichte trotzdem mitnehmen können. Es ist nämlich möglich.

Angelica Pral-Haidbauer: Frau Karner, ich danke für das Gespräch!