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am 22. und 23. Mai 2012 im Landestheater
1. Lieber Philipp, Du spielst die Hauptfigur in der Inszenierung DON CARLOS, nach dem dramatischen Gedicht von Friedrich Schiller. Das ist eine anspruchsvolle Rolle. In welcher Hinsicht hat Dich Dein Leben auf diese Rolle vorbereitet? Gibt es Konflikte oder Situationen in DON CARLOS, die Du aus dem Alltag kennst?
Nun, weder stamme ich aus einer königlichen Familie noch hat je ein Freund beschlossen, für mich in den Tod zu gehen (Gott sei Dank!). Auch bereiten mir im Alltag die Niederlande oder irgendwelche anderen Lande nur wenig Sorgen... Es ist schwer, aus der Form einer Tragödie oder eines dramatischen Gedichts Erlebnisse oder Konflikte in die Welt unseres Alltags zu übertragen, weil das Drama eigentlich immer sich mit etwas Außergewöhnlichem, von dem normalen Ereignishorizont der Figuren Abweichendem, beschäftigt.
Etwas, was ich aber gut kenne, ist der stete Anspruch an DON CARLOS, Verantwortung zu übernehmen, sowie die Erkenntnis, dass Handlungen immer auch Konsequenzen haben, dass man für seine Handlungen auch einstehen muss!
2. DON CARLOS ist ein Königssohn - das passiert heute kaum mehr jemandem. Wieso ist die Figur des DON CARLOS heute trotzdem noch spannend? Gibt es Konflikte, die dieser junge Mann bewältigen muss, die jungen Menschen auch heute noch begegnen?
Auch zu Zeiten des echten DON CARLOS ist es recht wenig Menschen “passiert”, ein Königssohn zu sein! Die Welt der Monarchie ist einfach noch strengeren Regeln unterworfen als unser “normales” Leben, weswegen sie sich hervorragend dazu eignet, zu zeigen, was geschieht, wenn diese Regeln gebrochen werden.
Einer der größten Konflikte von DON CARLOS ist sein Verhältnis zu seinem Vater. Ein strenggläubiger Mann, dessen größte Pflicht ist, dieses Riesenreich irgendwie zusammenzuhalten. Und nun kommt der Sohn mit seinem Freund und die Zwei wollen die Idee der Freiheit und Selbstbestimmung in das Reich tragen. Sie rütteln an der Struktur des Staates, sie sind in den Augen der Kirche eine Gefahr und doch bleibt der der Sohn eben der eigene Sohn! Und DON CARLOS ist ja nicht dumm, er weiß es und vertritt seine Sicht mit großer Vehemenz, wenn auch aus anderen Motiven als sein Freund POSA. Die Auseinandersetzung mit den Idealen und Werten unserer Eltern sind etwas, was so ziemlich alle Jugendlichen auch von heute nicht erspart bleibt...
3. Welches sind DON CARLOS Schwächen - und wo liegen seine Stärken?
Das kann man mit einem Wort beantworten: Seine Unbedingtheit. DON CARLOS hat eine unbedingte Vorstellung von der Liebe (ganz oder gar nicht), eine ebenso unbedingte Vorstellung von Freundschaft, Gerechtigkeit und vieler anderer moralischer Maßstäbe. Das ist gleichzeitig seine Schwäche als auch Stärke. Schwäche deshalb, weil diese Unbedingtheit sehr verletzbar macht, weil die mangelnde Kompromissfähigkeit seinen Erfolg erheblich einschränkt und weil er mit seiner Unfähigkeit zur Zurückhaltung eigentlich seine gesamte Umwelt vor den Kopf stößt. Stärke deshalb, weil dieses unbedingte Wollen ihm eine Kraft und Energie verleiht, die ihn erst zu höheren Aufgaben befähigt!
4. MARQUIS VON POSA stirbt für seinen Freund DON CARLOS - aber vor allem für seine eigenen Ideale. Wie sieht es in unserer heutigen Welt aus? Soll man so hohe Ideale haben, dass man bereit ist, sich ihnen zu opfern?
Anscheinend gibt es auch heute Leute, die das glauben. Im Grunde liegen auch dem heutigen Terrorismus Ideale zugrunde, so verquer sie in unseren Augen auch sein mögen. Eigentlich kann man auf diese Frage nur mit lauter Gegenfragen antworten...
Was heißt Opfern? Was bringt mein Opfer dem Ideal? Welche Ideale sind es überhaupt, denen ich mich so sehr verschreiben muss – Kirche, Familie, Staat, Lebensphilosophie? Was mache ich, wenn ich erkennen muss, dass meine Ideale falsch sind? Und, bezogen auf das Stück, ist der Tod für ein Ideal wirklich ein Opfer oder nur Feigheit?
Denn noch eine Frage bleibt: Warum macht der ach so hehre POSA es nicht selbst? Der König bietet es ihm an, seine Ideale im Staat umzusetzen, er macht es nicht, trotz aller Vollmacht, trotz der Entmachtung des ALBA reitet der MARQUIS nicht selbst in die Niederlande, sondern opfert sich für seinen Freund DON CARLOS, damit der es macht?
5. Stichwort Liebe - ist die Liebe für CARLOS ein Phantasma? Die Rettung? Oder der Untergang? Ist es überhaupt Liebe, was CARLOS dafür hält?
Da könnte man jetzt eine Doktorarbeit schreiben und käme nicht wirklich zu einer Antwort!
Zunächst zur Situation, die wir uns heute kaum mehr vorstellen können. DON CARLOS und ELISABETH sind einander in einer Zwangsverlobung zugesprochen worden. Er lebt in Spanien, sie in Frankreich. Um sich kennen zu lernen, blieb also nur der Briefverkehr (vom Briefgeheimnis war damals übrigens auch noch keine Rede...), dann beschließt der Vater, CARLOS Braut zu heiraten. Einmal verheiratet, durfte Elisabeth nur unter strengsten Regeln Besuch erhalten, ihren nunmehrigen Stiefsohn sah sie nur bei offiziellen Anlässen. CARLOS war also wahrscheinlich mehr in das Bild, dass er von Elisabeth hatte, verliebt, denn gekannt hat er sie nicht wirklich. Ist das Liebe? Die Unbedingtheit, mit der CARLOS behauptet zu lieben, lässt den Schluss zu, dass es Liebe ist. Wie sonst wäre er zu solch emotionalen Handlungen fähig? Es ist auf jeden Fall eine problembehaftete Beziehung, auch und vor allen Dingen wegen des riesigen unbewältigten Vaterkonflikts.
6. Wie waren die Proben zum Stück für Dich? Was war besonders schwer? Was fiel Dir leicht? Welche Rolle spielte die Beziehung zu Deinen SchauspielkollegInnen und der Regisseurin in dieser Arbeit?
Hier am Landestheater Niederösterreich sind wir ein recht kleines Ensemble, deswegen kennen wir uns schon sehr gut. Auch mit der Regisseurin habe ich schon einmal erfolgreich gearbeitet, hier gab es auch eine große Vertrauensbasis. Das ist ungemein wichtig, denn in einer so intensiven Arbeit wie DON CARLOS muss man sich aufeinander verlassen können. Denn die Proben waren vor allem eins: kurz. Da blieb nicht viel Zeit für grundsätzliche Diskussionen...
Erstaunlich leicht fiel mir das Textlernen, was jetzt überraschen mag. Aber wenn man sich einmal an die Schillersche Sprache und das Versmaß gewöhnt hat, entdeckt man eine ziemlich stringente Logik in der Sprache, was es eben leicht macht, sich den Text zu merken. Sehr schwer war es, mit diesem Text dann auch konsequent umzugehen. Als Schauspieler ist man es gewöhnt, ständig die Handlungen und Motive zu hinterfragen und anzuzweifeln, um sie zu verstehen. Wie ich schon erwähnt habe, ist die Figur DON CARLOS aber in ihrer Unbedingtheit zu suchen. Das hieß: immer vorwärts, nie fragen! Sobald ich mich oder die Regisseurin oder meine Kollegen gefragt habe, sobald ich Vorsicht oder Zweifel oder auch Berechnung einfließen ließ, wurde die Figur sofort schwach. Das durfte nicht passieren. Und das zu vermeiden, war sehr schwer.
7. Du gehst in DON CARLOS sehr souverän mit diesem schwierigen Text um - gibt es ein Geheimnis, wie man sich so viel und dazu sehr anspruchsvollen Text merken kann?
Sich merken ist einfach: Text lernen und wiederholen. Immer und immer und immer wieder. Das Geheimnis besteht darin, dass man sich den Text nicht nur merkt, sondern ihn auch versteht. Und zwar nicht nur grundsätzlich, sondern Wort für Wort und immer. Wenn ich immer weiß, was ich sage, dann kann ich diesen Text auch sagen, als wären es meine eigenen Worte. Und das ist schon schwieriger...
8. Was zeichnet Deiner Meinung nach einen guten Schauspieler aus - und wie wird man einer?
Einen guten Schauspieler erkennt man daran, dass er seinen Beruf liebt! Das “Werkzeug” für diese Arbeit ist man selber. Die Stimme, der Körper, die Mimik, die Gestik - damit kann man einen Menschen “erschaffen”, der sich von einem selber unterscheidet. Ich finde, ein Schauspieler ist dann ein guter Schauspieler, wenn man nicht mehr den Schauspieler sieht, sondern die Figur, die er erschaffen hat, wenn man nicht mehr den Text von Schiller hört, sondern von den Figuren, die ihn sprechen, verkörpern!
Wie wird man einer? Wenn man die Liebe zur Sprache, zur Emotion und zur Verkörperung von beidem mitbringt, dann kann man sich an einer Schauspielschule (besser vielen...) bewerben, wenn dort das Talent erkannt wird und man viel Glück hat, dann kann man das Schauspiel lernen. Der Rest ist Arbeit und Beharrlichkeit oder auch die gleiche Unbedingtheit des Wollens wie bei DON CARLOS!