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Der bohrende Wunsch nach mehr

Von Kai Krösche

Der 1974 geborene, renommierte Regisseur Árpád Schilling gehört zu den international anerkanntesten ungarischen Theaterschaffenden dieser Zeit. In seiner Heimat hingegen erklärt ihn die Regierung zum Staatsfeind: Über einen kompromisslosen Künstler, der seinen scharfen Blick auf all jene Dinge richtet, von denen sich die anderen lieber abwenden.

Die Bühne ist beinahe leer. Kein imposantes Bühnenbild behauptet den großen schwarzen Raum als einen anderen Ort, lediglich ein paar Gegenstände – Stühle, ein Tisch, ein paar Wasserflaschen – zieren den ansonsten kahlen Bühnenboden. Bis plötzlich die Schauspielerinnen und Schauspieler des Ensembles die Bühne betreten und den Raum mit Leben füllen: Anfangspunkt eines Theaterthrillers rund um eine Familie und ein düsteres Geheimnis aus der Vergangenheit, Beginn auch einer theatralen Versuchsanordnung, in der gesellschaftliche Fragen verhandelt werden und wie unter einer Lupe zur Beobachtung kommen. Geprobt wird „Erleichterung“, das neue Stück des ungarischen Regisseurs Árpád Schilling und seiner Co-Autorin Éva Zabezsinszkij, das nach einer intensiven Probenphase auf der Großen Bühne des Landestheaters Niederösterreich zur Uraufführung gelangt.

Das Experiment, der präzise Blick und der unbedingte Wunsch, dort genau hinzusehen, wo für gewöhnlich ein Auge zugedrückt (oder gleich ganz weggeschaut) wird, prägt dabei die Arbeit Schillings seit den frühen Anfängen seiner Karriere. „Krétakör“ (auf Deutsch „Kreidekreis“) heißt das von ihm 1995 in Ungarn gegründete Kollektiv, benannt nach der berühmten Parabel aus Brechts Stück „Der kaukasische Kreidekreis“. „Der Gedanke ist, im übertragenen Sinne einen Kreis auf den Boden zu zeichnen, innerhalb dessen spezifische Fragen, Wahrheit und Realität verhandelt werden“, erklärt Schilling die Namenswahl, „einen Kreis, den man jederzeit wieder wegwischen kann, um ihn an anderer Stelle neu zu ziehen und andere Problemstellungen zu befragen“. Themen, Settings, ästhetische Formen können sich so abhängig vom gesetzten Fokus immer wieder verändern. Was die jeweils entstehenden, künstlerischen Projekte eint, sind vielmehr der genaue, neugierige Blick auf die Thematik und der Wunsch, ein Stück unserer Existenz künstlerisch zu verdichten.

Eine künstlerische Erfolgswelle

Am Anfang, im Jahr 1995, ist es zunächst eine Handvoll befreundeter Theaterschaffender, die sich im Zeichen des Kreidekreises zusammenfinden. Schilling, der vor seinem Regiestudium an der renommierten Budapester Theaterakademie selbst ab und zu als Schauspieler arbeitete, gründet zum Unverständnis der bereits auf ihn aufmerksam gewordenen Protagonisten des etablierten Theatersystems das freie Kollektiv Krétakör. Obwohl zu der Zeit noch kein funktionierendes Subventionssystem für Off-Theater in Ungarn existiert, stellt er mit der Hilfe seines in Ungarn inzwischen genauso renommierten Managers Máté Gáspár erste Produktionen auf die Beine, zieht bald das Interesse und die damit verbundene finanzielle Unterstützung des Auslands auf sich und findet einen Weg, kontinuierlich zu produzieren. Unter seiner Regie entstehen zunächst nur vereinzelte Produktionen, radikale Umsetzungen und Neudeutungen von Theaterklassikern, bis Krétakör in den Jahren 2000/2001 schließlich zu einem Theater mit festem Ensemble und einem immer stärker wachsenden Repertoire anwächst. Fortan werden an drei verschiedenen Orten in Budapest regelmäßig die Aufführungen des beliebten Theaters gespielt.

Wenn Schilling vom ersten Jahrzehnt unseres 21. Jahrhunderts erzählt, erinnert er sich begeistert an ein „Goldenes Zeitalter“ für die neu erwachende, freie ungarische Theaterlandschaft. Neue Subventionsmodelle lassen das Off-Theater aufblühen und locken junge Talente – Schauspielerinnen, Dramaturgen, Regisseurinnen – in die freie Szene. Jenseits der etablierten und von den jungen Wilden als verstaubt empfundenen Staatstheaterstrukturen können sie hier nach innovativen künstlerischen Ausdrucksweisen inmitten neuer Strukturen der Zusammenarbeit suchen. „All die Jungen wollten in diese Szene“, berichtet Schilling. Es ist die Zeit, in der auch weitere international bekannte Vertreter der ungarischen Theaterszene wie Kornél Mundruczó oder Viktor Bodó ihre Karriere starten. Eine künstlerische Erfolgswelle, auf der das bereits etablierte Krétakör-Theater ganz oben mitschwimmt und damit zunehmend internationale Anerkennung findet. Bereits in der Saison 2003/2004 zeigt Schillings Theater 221 Vorstellungen in Ungarn und im Ausland und verzeichnet traumhafte Auslastungen. Krétakör wird mit Preisen überhäuft und ist mit Produktionen wie Tschechows „Die Möwe“ oder dem schwarzen politischen Kabarett “BLACKland” Dauergast bei internationalen Theaterfestivals (darunter den Wiener Festwochen). Innerhalb kurzer Zeit gilt er in Europa wie in Übersee unwidersprochen als einer der renommiertesten Vertreter des ungarischen Theaters.

Ein radikaler Schnitt

Doch mit der zunehmenden Routine, mit jedem weiteren Festivalbesuch und jeder neuen Inszenierung mehren sich in Árpád Schilling die Zweifel. Daran, ob der ständige Erfolg nicht am Ende auch eine Art Stillstand bedeutet, daran, ob es im Angesicht eines gesellschaftlichen Wandels mit dem Inszenieren klassischer Theaterstücke in immer ähnlichen Konstellationen getan ist, kurz: daran, ob das schon alles gewesen sein kann. „Wir hätten ewig so weitermachen können“, erinnert sich Schilling an diese Zeit des nicht versiegenden Erfolgs, doch der bohrende Wunsch nach mehr, nach neuen Formen abseits der klassischen Theateraufführung und vor allem nach stärkerer gesellschaftspolitischer Relevanz lässt Schilling nicht los. 2008 kommt es zur Krise, Schilling sieht sich, unterstützt von seinem Weggefährten Máté Gáspár, gezwungen zum radikalen Schnitt. „Ein schmerzhafter Prozess“, wie er es nennt, sowohl für ihn als auch für seine zahlreichen Mitstreitenden. Der Bruch stößt vereinzelt auf Anerkennung, vor allem aber auf Unverständnis und Enttäuschung: Große Teile seines Teams reagieren entsetzt, der ungarische Feuilleton betrachtet Schilling gar als Totengräber einer der wichtigsten Theatergruppen Ungarns und vermutet eine kreative Krise. Schilling jedoch geht entschlossen seinen neuen Weg, ab 2010 (bis 2015) mit seinem neuen Manager Márton Gulyás, der heute als einer der mutigsten politischen Aktivisten Ungarns gilt.

Krétakör fungiert fortan als Produktionsbüro, und die vorherige Konzentration auf die Inszenierung und Neuinterpretation klassischer Stoffe verschiebt sich zugunsten alternativer Formen darstellender Kunst jenseits der Theaterbühne. Der neuformulierte Anspruch: die Gesellschaft von innen zu verändern. Unter der Leitung von Schilling geht Krétakör in Schulen, erörtert in theaterpädagogischen Rollenspielen gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern politische Fragen über Demokratie, die Freiheit des Einzelnen und Toleranz; Kampagnen gegen übermäßigen Alkoholkonsum werden ebenso organisiert wie politische Demonstrationen und Konferenzen, in deren Rahmen die Zukunft Europas diskutiert wird. Doch durch den radikalen Bruch mit seinem vorherigen Schaffen zugunsten des unbedingten politischen Engagements fehlt Schilling bald wieder die andere Seite der Medaille: Die künstlerische Auseinandersetzung jenseits der Zielgebundenheit und die Suche nach neuen theatralen Ausdrucksformen kommen ihm nun wieder zu kurz. Die Lösung: Er setzt die Arbeit von Krétakör in Ungarn wie gehabt fort und arbeitet fortan verstärkt künstlerisch im Ausland. Es entstehen happeningartige Inszenierungen zeitgenössischen Theaters, Schilling experimentiert mit Formen des Neuen Zirkus, realisiert Kurzfilme und ortspezifische performative Arbeiten, die jeden Abend neu und auf künstlerischer Augenhöhe mit dem Ensemble gedacht werden. „Es gibt für mich nicht einen Stil oder eine Form. Ich gehe immer vom Grundproblem des jeweiligen Stückes aus“, beschreibt Schilling die Formenvielfalt seines Schaffens.

Was die Werke eint, ist der starke Antrieb, sich den drängenden sozialen und politischen Fragen unserer Zeit zu stellen: jene zunehmend größere Schere zwischen Arm und Reich, Mächtig und Machtlos, Informiert und Unwissend und schließlich Links und Rechts, die die Ursache der gesellschaftlichen Umbrüche der letzten Jahre bilden. Die Randgruppen der Gesellschaft spielen nun in Schillings Schaffen eine ebenso große Rolle wie die Analyse der Beständigkeit unserer eigenen Werte. Die Beschäftigung mit den Produktionsbedingungen, unter denen Theater entsteht, die Frage danach, wer wo und über was spricht, sind mehr als zuvor untrennbar mit den Arbeiten Schillings verknüpft. Krétakörs Kreidekreise entstehen immer seltener im geschützten Raum des Theaters, sondern gehen hinaus: in die Straßen, unter die Menschen – notfalls auch dorthin, wo es unbequem wird und wehtut. Und das Wagnis dieses neuen künstlerischen Wegs straft alle Skeptiker Lügen. Die Projekte Krétakörs finden weiterhin große Anerkennung, 2008 wird Schilling vom französischen Kulturminister zum „Chevalier de l’Ordre des Arts et Lettres“ ernannt, 2009 erhält er schließlich den anerkannten Europäischen Theaterpreis für Neue Realitäten im Theater.

Ein neuer Wind

Doch als 2010 der Vorsitzende der rechtsnationalen Fidesz-Partei Viktor Orbán zum neuen Ministerpräsidenten Ungarns gewählt wird und damit eine bereits zuvor schwelende politische Wende einleitet, weht fortan ein neuer, rauer Wind durchs Land. Vaterlandsliebe wird nun wieder großgeschrieben, Ressentiments gegen alles Fremde und Andere werden geschürt und die Grenzen der Meinungs- und Kunstfreiheit werden mit zunehmend unverhohlener Offensichtlichkeit in Frage gestellt. Engagierte Institutionen und Gruppen wie Krétakör, die zudem Gelder aus dem Ausland beziehen und sich im Kontext internationaler Festivals und Produktionsprozesse bewegen, sind ein Dorn im Auge. Weltoffenheit und länderübergreifende Vernetzung gelten plötzlich nicht mehr als Chance, sondern als Gefährdung der ungarischen Identität und mögliche Untergrabung nationaler Interessen. Gelder werden massiv gekürzt oder umgewidmet, kritische Stimmen sind nicht mehr erwünscht und in der Gesellschaft im Allgemeinen wie auch unter Kunstschaffenden macht sich ein zunehmender Mangel an Solidarität breit. Auf einmal ist jeder froh, wenn es nicht ihn trifft, wenn ihm die Möglichkeit bleibt, weiter zu arbeiten: Mit der Furcht vor der Streichung der Mittel im Nacken tut die Schere im Kopf ihr Übriges.

Schwarze Listen gehen um, und aufgrund seines unbedingten zivilgesellschaftlichen Engagements und der Weigerung, sich der neuen Ordnung der Fidesz-Regierung anzubiedern, ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch Krétakör zum Abschuss freigegeben wird: Im Jahr 2014 werden trotz einer positiven Empfehlung des entsprechenden Förderbeirats ohne weitere Begründung dem Produktionsbüro die Mittel drastisch zusammengestrichen und damit die Grundlage genommen, in Ungarn weiter wie bisher zu produzieren. Seitdem weigern sich Schilling und sein Team, die ohnehin nur noch minimal ausfallenden staatlichen Mittel überhaupt zu beantragen. Vergeblich versuchen staatliche Behörden in einer nächsten Eskalationsstufe, Krétakör Steuerdelikte nachzuweisen. Zwei Jahre der Ermittlungen entlarven die Vorwürfe als haltlos, doch das Signal ist klar: Wir beobachten euch.

Zivilpolitisches Engagement

Trotz des zunehmenden Drucks denkt Schilling nicht daran, sich von Repressalien dieser Art in seinem Engagement aufhalten zu lassen. Sich selbst bezeichnet er als gewissermaßen Zerrissenen, der eine tiefe, pessimistische Skepsis mit einem glühenden, fast kindlichen Idealismus in einer Seele vereint. Als Regisseur inszeniert er weiter an renommierten und großen Häusern und Festivals im Ausland, kann sich hier auch künftig der Suche nach neuen ästhetischen Formen und Ausdrucksmitteln widmen – immer im Dialog mit den spezifischen Lebensrealitäten jener Orte, an denen er arbeitet. In Ungarn selbst, seiner Heimat, konzentriert sich Schilling mittlerweile ausschließlich auf das bereits zuvor seinen Arbeiten eingeschriebene zivilpolitische Engagement: Er hält öffentliche Reden vor Tausenden von Menschen, setzt sich kompromisslos für die Rechte diskriminierter Minderheiten ein und schreckt auch nicht davor zurück, die Regierenden und ihre Protagonisten direkt zu attackieren. Dass die Machthabenden den unbequemen Aktivisten dabei nicht als unbedeutend betrachten, zeigt sich schließlich im September 2017 auf besonders hässliche Weise: Schilling wird als einer von dreien – darunter sein jahrelanger Wegbegleiter Márton Gulyás – vom ungarischen Parlamentsausschuss für nationale Sicherheit zum „potentiellen Vorbereiter staatsfeindlicher Aktivitäten“ erklärt. Die Solidarität aus dem Ausland habe ihm geholfen, mit der bedrohlichen Anfeindung umzugehen, sagt Schilling, doch von den etablierten ungarischen Theaterhäusern sei ihm nicht ein einziges öffentlich zur Seite gestanden. „Die Angriffe werden heruntergespielt, als Scherz abgetan“ – für Schilling verliert die Sprache zunehmend ihren ursprünglichen Sinn.

Es ist ein Kampf, der manchmal aussichtslos scheint, ein ständiges Auflehnen, das scheinbar ohne Erfolg bleibt und nicht ohne Spuren an Schilling vorbeigeht. So fragt er sich immer häufiger, ob all das Engagement und die Aufrufe im Namen der Toleranz und demokratischer Werte überhaupt etwas verändern können – oder ob nicht trotzdem alles den Bach runtergeht. Die Frage, ob er schon einmal daran gedacht habe, aufzugeben, bejaht Schilling ohne weiteres Nachdenken. Einzig und allein seine noch jungen Kinder ließen ihn bislang zögern, Ungarn dauerhaft den Rücken zu kehren. Auf eine staatliche Schule wollte er sie angesichts der gesellschaftlichen Umbrüche, die sich auch im Lehrplan der öffentlichen Bildungseinrichtungen niederschlagen, nicht schicken: Zwar habe ihm ein Lehrer bei einem Informationsabend erzählt, dass hinter verschlossenen Türen trotzdem gelehrt würde, wovon man überzeugt sei, aber das sei doch, so Schilling, „ein Zustand wie zu Zeiten des Eisernen Vorhangs“. Sobald seine Kinder älter sind, möchte er daher auswandern. Wohin, das weiß er noch nicht, „vielleicht Westeuropa, vielleicht aber auch ganz weit weg“. Was er sicher weiß, ist, dass er in 20 Jahren nicht vor seinen Kindern stehen will, ohne eine Antwort auf die Frage, wieso er nicht abgehauen sei, bevor es zu spät war.

Bis zur Kenntlichkeit entstellt

Doch ob in Ungarn oder anderswo in der Welt, auch in Zukunft wird Schilling seine imaginären Kreidekreise zeichnen und unterm Vergrößerungsglas sezieren, was andere lieber unentdeckt ließen. Dabei wäre es ein Einfaches, mit dem erhobenen Zeigefinger auf die Anderen, die Bösen, die Demokratiefeinde zu zeigen. Schilling jedoch ist das zu simpel. Er zieht den Kreidestrich mitten durch unsere eigene Lebensrealität, entstellt unsere Lebenslügen zur Kenntlichkeit, hält uns selbst den Spiegel vor. Und wie immer treffen wir inmitten des flüchtigen Kreises auf: Menschliches, Allzumenschliches.

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