Die Ortliebschen Frauen

Roman von Franz Nabl | Bühnenfassung von Helmut Peschina

Diese Geschichte macht Lust zum Nacherzählen wie sonst nur eine Fabel.
Peter Handke

Nach dem Tod des Inspektors Ortlieb zieht sich die Witwe gemeinsam mit ihren Töchtern Josefine und Anna und dem mit einem Klumpfuß geborenen Sohn Walter immer mehr in eine selbst gewählte Isolation zurück, aus der es für keines der Kinder ein Entrinnen gibt.

Franz Nabl, geboren am 16. Juli 1883 in Lautschin, in der Nähe von Prag, wuchs in Niederösterreich und in Wien auf, wurde nach dem Studium und dem kriegsbedingten Verlust seines Vermögens ab 1924 leitender Kulturredakteur des Neuen Grazer Tagblattes und lebte ab 1934 in der steirischen Landeshauptstadt, wo er 1974 starb. Franz Nabls Werk wurde von Peter Handke, Alfred Kolleritsch und Gerhard Roth in den 1970er Jahren wiederentdeckt. Die Ortliebschen Frauen wurden 1979 von Luc Bondy mit Libgart Schwarz, Elisabeth Stepanek und Edith Heerdegen verfilmt.

Gabriele Schuchter (Theater in der Josefstadt, Volkstheater, Burgtheater) ist in der Rolle der Witwe zu sehen. Als ihre Tochter Josefine ist Chris Pichler zu Gast im Ensemble. Sie wurde als Schauspielerin des Jahres 2008 von der ORF Hörfunk-Jury ausgezeichnet und spielte unter anderem am Berliner Ensemble, Theater in der Josefstadt und Volkstheater in Wien. Charlott von Blumencron kehrt mit der Rolle der Anna nach der Geburt ihrer Tochter Gloria ans Landestheater Niederösterreich zurück.

Einführungsgespräch
am 14. März 2009 um 18.30 Uhr

Gespräch mit dem Ensemble

am 19. März 2009 nach der Vorstellung

Medienpartner dieser Produktion

Die Presse

Dauer

2 Stunden inklusive Pause
Pause nach 1 Stunde

Die ortliebschen frauen

Am 12. März 2009 feiert die hochkarätig besetzte Eigenproduktion DIE ORTLIEBSCHEN FRAUEN - eine Dramatisierung von Franz Nabls Roman in der Bühnenfassung von Helmut Peschina - u.a. mit Gabriele Schuchter und Chris Pichler am Landestheater Niederösterreich ihre Uraufführung.

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Die Theaterkassa des Landestheaters Niederösterreich (Ecke Roßmarkt / Heitzlergasse) freut sich über Ihre Kartenbestellung unter dem Kennwort „Imago Dei“ per E-Mail oder unter T 02742/90 80 60-600 dienstags bis freitags von 8.30 Uhr bis 17.30 Uhr und samstags von 8.30 Uhr bis 13.30 Uhr.

Das Angebot ist nicht mit anderen Ermäßigungen kombinierbar.

Norbert mayer/die presse

Landestheater Niederösterreich: Brüderchen im Keller, Schwesterchen obenauf

Symbolschwer: Nabls „Die Ortliebschen Frauen“.

Der aus Böhmen stammende, in und um Wien aufgewachsene Dichter Franz Nabl (1883–1974) hatte seine ruhmreichste Zeit unter den Nazis, deren Gesinnung von Blut und Boden er teilte. Sie schätzten diesen Schilderer deutscher Landschaften und Stämme, seine voluminösen Romane waren allerdings bereits Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen. „Ödhof“ (1911) heißt sein gewichtigstes Werk. Berühmt ist Nabl, eine Art Regionalausgabe des ihm wesensverwandten Knut Hamsun, heute nur noch in seiner Wahlheimat Graz. Dort sind – seltsam anachronistisch – ein Germanistik-Institut und der Literaturpreis des Landes Steiermark nach ihm benannt.

Das Landestheater Niederösterreich hat sich nun eines zeittypischen Nabl-Romans angenommen. Am Donnerstag war in St. Pölten Premiere für „Die Ortliebschen Frauen“. Hausherrin Isabella Suppanz führt Regie, die Dramatisierung des Romans von 1917 stammt von Helmut Peschina, der ein gutes Ohr für Dialoge hat, mit Chris Pichler hat man einen Shootingstar in der Paraderolle der arglistig manipulativen Josefine verpflichtet. Der Abend ist kurz, zwei Stunden inklusive Pause – beste Voraussetzungen also für einen Erfolg.

Vergebliche Fluchtversuche

Und dennoch stellt sich neben Gelungenem (vor allem Pichlers expressives Spiel beeindruckt) auch Missbehagen ein. Diese von inzestuösem Begehren durchtränkte Geschichte, bei Nabl heimattümelnd und hartkantig über mehrere hundert Seiten ausgebreitet, wirkt doch etwas papieren in diesem Kammerspiel mit ärmlichem Bürgertum. Im Stakkato werden zwei Dutzend Szenen auf der Drehbühne (Ausstattung: Martin Warth) mit vier einfachen Sets präsentiert – viel Tempo, kaum aber Dichte, mehr Kolportage als Roman. Nur Josefine und Anna sind ausgearbeitete Charakterrollen, der Rest ist schwach skizziert.

Die Handlung: Witwe Ortlieb (Gabriele Schuchter spielt tadellos verhärmt eine Altersrolle) hält ihre drei Kinder in totaler Abhängigkeit, sie hat es am Herzen. Assistiert wird ihr im Manipulieren von ihrer älteren Tochter Josefine, die jeden Fluchtversuch der jüngeren Geschwister unterbindet. Anna (Charlott von Blumencron behauptet sich streichelweich) wird zurückgepfiffen, als sie mit dem Tierhändler Nikolai (Klaus Haberl mit schön gespielter Melancholie) anbandelt. Sie muss seinen Antrag abweisen. Symbol für die Tristesse ist der Vogel, für den sie in der Tierhandlung Futter holte. Der Star krepiert.

Schatten junger Mädchenblüte

Ausbrechen will auch der klumpfüßige Sohn Walter (Hendrik Winkler spielt sehr zurückhaltend), doch Josefine und die Mutter achten darauf, dass Kontakte mit Mädchen (Pippa Galli als rosarot gewandeter Teenie Olga, Julia Schranz als laszive Schauspielerin Kranzler, die schon einmal ihr Höschen runterstreift) abgebrochen werden. Die Familie zieht um. Als der Sohn schließlich ins Berufsleben eintritt, als Bankangestellter mit einer Kollegin tändelt, wird die Idylle tatsächlich zum Gefängnis. Die Schwestern sperren ihn in den Keller. Ursprünglich hieß das Buch „Das Grab des Lebendigen“. Ein düsteres Märchen von Brüderchen und Schwesterchen; die Sache geht böse aus.

Zuvor aber darf Pichler im Sentiment brillieren, in hysterischen Anfällen, die fast attisches Tragödienmaß haben, und in begehrlichen Umarmungen mit dem stocksteifen Bruder. Sie übertreibt dabei um einen Tick, aber wahrscheinlich entspricht das der Nabl-Ästhetik und dem Willen der Regie. Sie lässt unterschiedlichste Ausdruckmöglichkeiten zu. Zwei Nebenrollen (Christine Jirku und Helmut Wiesinger als Nachbarn) dürfen sehr volkstümlich agieren, die übrigen Darsteller sind in der hohen Tragödie zu Hause. Eine durchwachsene Sache also.

Norbert Mayer/Die Presse

Ernst p. strobl/salzburger nachrichten

Das Verlies entsteht in der Familie

Im Keller. „Die Ortliebschen Frauen“ als bedrückend aktuelles Familiendrama im Theater St. Pölten.

Der Amstettener Fall F. mit seiner widerwärtigen Bestialität füllt derzeit die Medien und damit die Köpfe. Man wird den Gedanken nicht los, dass das, was man im Niederösterreichischen Landestheater auf der Bühne sieht, in gewisser Weise mit einer Aktualität zu tun hat. Wie ein düsteres Gleichnis dafür, was sich alles vor den Augen der „Öffentlichkeit“ abspielen kann, wirkt die Aufführung von „Die Ortliebschen Frauen“, die am Donnerstag unter verdientem Beifall Premiere hatte. Man ist entsetzt über den unentrinnbaren Wahn, der drei Frauen dazu bringt, den Bruder bzw. den Sohn in ein Kellerverlies zu sperren.

Intendantin Isabella Suppanz hat das Stück um pervertierte Familienbindungen nach einem Roman von Franz Nabl (1883–1974) lange vor Auffliegen des Amstettener Dramas geplant. Die Hausherrin hat es nun klug und unspektakulär, fast lakonisch inszeniert.

Franz Nabls „Studien aus dem kleinbürgerlichen Leben“ (1917) geben keine Schuldzuweisungen. Nach dem Tod des Vaters bleiben seine Frau und die drei halb erwachsenen Kinder traumatisiert zurück. Die schwache Mutter (Gabriele Schuchter) ängstigt sich und alle anderen. Tochter Josefa (wunderbar: Chris Pichler) übernimmt das Kommando. Die gutherzige Anna (naiv: Charlott von Blumencron) und der durch einen Klumpfuß behinderte Bruder – ein lieber, argloser Bub (Hendrik Walter) – halten noch ein wenig die Kommunikation mit der Außenwelt aufrecht. Ein Heiratsantrag eines Tierhändlers an Anna wird von der Familie harsch zurückgewiesen, das Mädchen gehorcht still leidend. Josefa erhöht den Druck vorgeblicher Liebe vor allem bei Walter. Terror pur.Ohnmacht als Nebenwirkung Walter findet Zuneigung bei einer Villenbesitzerstochter (Pippa Galli), erstmals kann er über seine isolierte Familie reden. Er kennt das Leben einfach nicht anders, „wir waren uns immer genug“. Eine lockere Nachbarin (Julia Schranz) findet Gefallen am Spiel mit Walter. Als der Junge einen Bankjob antritt und eine Freundin findet, gerät Josefa außer sich. Das ist eine der bedrückenden Nebenwirkungen dieser Inszenierung, die mit einer kargen Drehbühne die dichten Szenen, die Helmut Peschina geschickt aus Nabls Roman destilliert hat, vorüberziehen lässt. Man kann nur ohnmächtig zusehen, wie das Verhängnis von Szene zu Szene näher rückt, wie sich die Familienmitglieder in ihren geistigen und emotionalen Zwängen verstricken. Wenn die „fürsorgliche“ Josefa von Vernunft und Vertrauen spricht, klingt das wie eine gefährliche Drohung, erst recht, wenn für einen Moment eine inzestuöse Beziehung angedeutet wird. Um ihn vor sich selbst zu „beschützen“, wird Walter in den Keller gesperrt. Das Ende ist bitter.

Die in Resignation erstarrte Mutter gerät nur einmal in Stimmung, als man abends ein Kärntnerlied anstimmt. Es ist beunruhigend, dass im Publikum trotz der zynischen Zuspitzung in dieser Szene Gelächter ausbricht.

Josef P. Strobl/Salzburger Nachrichten

Hilde haider-pregler/wiener zeitung

Uraufführung am Landestheater in St. Pölten: "Die Ortliebschen Frauen"

Machtspiele in der Familie

Das Familienleben der Ortliebs verläuft in geregelten Bahnen. Sozialkontakte sind seit dem Tod des Vaters auf ein Minimum reduziert. Ein Abend verläuft wie der andere. Die Mutter häkelt, die erwachsenen Kinder – zwei Töchter, ein Sohn – spielen "Stadt und Land". "Wissen Sie, bei dem Leben, das wir führen, ist jede kleinste Kleinigkeit ein großes Ereignis", meint der leicht gehbehinderte Walter, als er ausnahmsweise ein Mädchen aus besserem Haus zum gemeinsamen Musizieren besuchen darf.

Dennoch hat Peter Handke Franz Nabls Roman "Die Ortliebschen Frauen" (1936) einmal als das "unheimlichste Buch" des heute fast vergessenen steirischen Autors (1883–1974) bezeichnet. Unter der mustergültigen Oberfläche bahnt sich ein Katastrophenszenario an.

Hermetisches Idyll
30 Jahre nach der Verfilmung durch Luc Bondy hat sich nun das Landestheater Niederösterreich in der Inszenierung von Intendantin Isabella Suppanz an eine Bühnenfassung des Werkes gewagt. Helmut Peschina, bewährter und vielfach ausgezeichneter Experte für Theater- und Radio-Adaptionen von Stoffen der Weltliteratur, bewies auch diesmal in seiner Bearbeitung sensibles Geschick für Dialoge, in deren lakonischer Sprache der nicht in Worte zu fassende eigentliche Subtext mitschwingt.
Kurze, durch Blackouts mit Musik- und Geräuschuntermalung getrennte, spotartige Szenen auf der Drehbühne (Martin Warth) geben in scharf umrissenen Situationen Einblick ins unheile, hermetische Familienidyll mit seinen wechselseitigen Machtspielen und Manipulationen.
Geht es der zuletzt auf den Rollstuhl angewiesenen Mutter (Gabriele Schuchter) um die Aufrechterhaltung des Status quo, so überlässt sie es doch ihrer Ältesten, eventuelle Ausbruchsversuche der jüngeren Geschwister im Keim zu ersticken.

Chris Pichler als Josefine erfüllt diese Rolle mit süffisanter, berechnender Sanftheit, indem sie alle mit dem Argument, nur ihr Bestes zu wollen, zur Fügsamkeit zwingt und jede Gefährdung durch die Außenwelt raffiniert abwiegelt. So muss Anna (fast eine Horváth-Figur: Charlott von Blumencron) den Heiratsantrag des Tierhändlers (Klaus Haberl) zurückweisen; und Walters (Hendrik Winkler) erste Kontakte zum weiblichen Geschlecht werden hinterrücks energisch unterbunden.
Um ganz sicher zu gehen, übersiedelt man schließlich aus der Mietwohnung in der Stadt in ein abgelegenes Häuschen am Land. Doch auch hier lauern Gefahren, als die Bedienerin (Christine Jirku) verrät, dass sich der junge Herr, mittlerweile Bankangestellter, bei der Fahrt zur Arbeit mit einer Bürokollegin trifft.

Gefangen im Keller
Der unbotmäßige Bruder wird daraufhin – zu seinem "Besten" – im Keller gefangen gehalten, wobei Josefine die Verantwortung für diesen Schritt auch der ratlosen Anna als Mitwisserin auflastet. Die Umwelt ahnt zwar, was sich da abspielt, zieht es aber vor wegzuschauen, bis zur unvermeidlichen, in einem fast irrealen Bild Gestalt annehmenden Katastrophe.
Ein Abend zum Nachdenken. Und auch, wie dem informativen Programmheft zu entnehmen ist, eine würdige, aber nicht unkritische Erinnerung an Nabl, der sich, ohne dem NS-Regime zu huldigen, doch nicht der Vereinnahmung seines Werkes widersetzte.

Seine literarische Bedeutung haben bereits um 1970 die jungen "Grazer Autoren" – Alfred Kolleritsch, Gerhard Roth, Handke – wieder entdeckt, für die er zum Mentor wurde.

Die Ortliebschen Frauen
Nach dem Roman von Franz Nabl Landestheater NÖ, St. Pölten Tel.: 02742/90 80 60-0 Wh.: 14., 17., 18., 19. März

Hilde Haider-Pregler/Wiener Zeitung

Renate wagner/der neue merker

ST. PÖLTEN / Landestheater NÖ:

DIE ORTLIEBSCHEN FRAUEN nach dem Roman von Franz Nabl. Dramatisiert von Helmut

Fans dieses Buches – und jeder leidenschaftliche Leser wird das sein – dürfen die Meinung eines Großen zitieren, wenn es um die „Ortliebschen Frauen“ des Dichters Franz Nabl (1883-1974) geht: „Literarhistorikern möchte man gerne die Bitte aufdrängen, einmal zu untersuchen, woran es liegt, dass dieses Buch nicht jedes Mal genannt wird, wenn die großen Bücher in deutscher Sprache genannt werden“, sagte Martin Walser, und das wohl nicht nur, weil er den Franz-Nabl-Preis verliehen bekam.

Die Geschichte der Familie Ortlieb – Mutter, zwei Töchter, Sohn – zeigt, wie diese Menschen sich nach dem Tod des Vaters in ihre familiäre „Viersamkeit“ einigeln, was vor allem auf die Initiative der Tochter Josefine zurück geht, deren Bindung an den jüngeren Bruder von Anfang an krankhafte Züge trägt. Die Angst vor dem Leben ist so groß, dass sie die „Außenwelt“ nach und nach auszuschalten sucht, und dies angeblich aus den „besten“ Motiven von Liebe, Schutz und Bewahrung –was jedoch im Grunde nur übersteigerte Besitz- und Machtgier ist. Wie Nabl diese perverse Spirale des familiären Verhaltens bis zur Unerträglichkeit ausreizt – schließlich sperren die Schwestern den Sohn in einen Keller, um ihn nicht mit der Welt teilen zu müssen -, ist ein Meisterstück großer Prosa.

Isabella Suppanz, die Leiterin des Landestheaters Niederösterreich, versichert glaubhaft, dass man sich mit den „Ortliebschen Frauen“ schon befasst habe, bevor der „Fall Fritzl“ genau das zur grauenerregenden Wirklichkeit machte, was Nabl „vorgeschrieben“ hat – die tödliche Allmacht Einzelner über Familienmitglieder, die bis zur totalitärer Herrschaft über deren Leben in Form des Wegsperrens führt. Nur dass für Josefine Ortlieb das Zerstören dieses ihres einzig möglichen Konzepts logisch zur Selbstzerstörung führt. Herr Fritzl hingegen lebt – vielleicht als tragischer Beweis dafür, dass gute Literatur alles über das Leben weiß. Jedenfalls gab dieser durchaus unerwünschte Zusammenhang diesem an sich schon schaurigen Abend einen zusätzlich schaurigen Kontext…

Die Frage, wie befriedigend sich Prosa dramatisieren lässt, stellt sich natürlich auch hier, und jeder Kenner des Romans könnte endlos erzählen, was die Bühnenfassung von Helmut Peschina an wichtigen Informationen vermissen lässt. Aber die Essenz der Geschichte wird erzählt – die Familie als die wahre Beziehungshölle, das kalkulierte Einsetzen von Emotionen zur Erzeugung von Psychoterror, das Spiel der Abhängigkeiten und Verpflichtungen, der „Gegengeschäfte“ im Gefühlshaushalt, der schier unerträgliche Druck, der im Namen von Blutsbanden ausgeübt wird. Weitgehend reduziert auf die vier Ortliebs (wobei das Hauptgewicht auf die beiden Schwestern gelegt wird) und auf die wenigen Nebenfiguren, deren „Ausschaltung“ paradigmatisch eingesetzt ist, bietet der Abend ein knappes, hartes Stück Familienwahns voll von starken Szenen.

Isabella Suppanz hat die minimalistische Fassung der Geschichte ebenso minimalistisch realisiert, auf einer Drehbühne, die nur andeutungsweise das Nötigste enthält (Ausstattung: Martin Warth), mit starkem Musikanteil und einer Neigung zum ebenso stilisierter wie gleichnisartiger Bildhaftigkeit, wenn sie etwa immer wieder die Familie auf dem Sofa versammelt, als posiere sie gerade für ein Foto… Im zweiten Teil, wenn die Ortliebs aus der Wohnung gegangen sind, um in einem Häuschen am Lande die Welt noch erfolgreicher auszuschließen, gibt es nur noch ein paar Stühle und Äste. Die Vorkriegswelt, die Nabl in der 1917 erschienenen Erstfassung beschrieb, weicht in den Kostümen einer vagen Zeitlosigkeit, ohne dass die Geschichte wirklich ins Heute geholt würde.

Es ist der Abend der Chris Pichler in der Gestalt von Josefine, die ein Monster ist, ohne sich selbst je als solches zu erkennen. Die Pichler spielt von Anfang an eine Borderline-Persönlichkeit, die allerdings lange die Fassade aufrecht erhalten kann und nur gelegentlich sichtbar in den hellen Wahn abgleitet, der sie immer leitet: Das gänzliche „Habenwollen“ des Bruders, das Festkrallen am Hier und Jetzt einer familiären „Idylle“ ohne Störung von außen, die sie mit ebenso rücksichtslos monomaner wie kämpferischer Attitüde durchsetzt, schließlich das selbst gewählte Ende, weil sie nicht damit leben kann, dass die Dinge nicht in ihrem Sinne laufen. Chris  Pichler hat immer wieder erschreckende Momente, die Theater zum großen Gleichnis machen.

Doch Charlott v. Blumencron als ihre Schwester Anna, die sich von Josefine und der Mutter das Leben zerstören lässt, ist ebenso stark und beeindruckend. Es sind nicht nur Schwäche und Angst, die sie nachgeben lassen, sondern ebenso falsch verstandene Liebe und das Annehmen der Verpflichtung, die jene aufbauen, die nicht zuletzt ihre „schwache Gesundheit“ so effektvoll im Kräftespiel einsetzen. Diese Anna lässt das Publikum unaufdringlich an ihrem stark differenzierten Leiden teilnehmen, das sie seelisch dennoch nicht pervertiert – eine wunderbare Leistung.

Hinter den Töchtern bleibt die Mutter leider entscheidend zurück, und dafür mag es drei Gründe geben: dass der Autor der Dramatisierung ihre Rolle zu schwach ausgeformt hat; dass Gabriele Schuchter unter einem gewissen „liebenswürdigen“ Image leidet, das sie sich in vielen Rollen aufgebaut hat; und dass die Regie nicht ausreichend damit befasst war, sie ins Spiel der Zerstörung einzubinden: Von dieser Mutter Ortlieb geht leider gar nichts aus, und die überflüssige Szene, in der die drei Frauen singen (Szenenapplaus, wahrlich am falschen Ort), wird durch das kunstvolle Gejodel der Schuchter vollends pervertiert. Mag die Idee darin bestanden haben, die scheinbare Ortliebsche Idylle auszustellen und vorzuführen – die Ausführung ist gänzlich misslungen.

Hendrik Winkler als Sohn bleibt im Ganzen ebenso vernachlässigt und folglich relativ konturlos wie die meisten anderen. Pippa Galli und Julia Schranz deuten Variationen weiblicher Verführung an, aber nur Klaus Haberl mit schüchternem Werben und der resoluten Christine Jirku gelingen mit wenigen Mitteln echte Gestalten. Einen Auftritt, im Grunde überflüssig, hat Helmut Wiesinger. Einiges wäre an der Bühnenfassung durchaus zu schleifen gewesen, im Ganzen aber machte sie in dieser Aufführung großen Effekt und erntete ihren verdienten Applaus. Am schönsten wäre es, wenn viele Besucher des Abends, die den Roman nicht kennen, nun nach dem Nabl’schen Original griffen.

Renate Wagner/Der Neue Merker

Ronald pohl/der standard

Geschwisterliebeswahn aus dem Jahr 1917

Aus der Zeit gefallen: "Die Ortliebschen Frauen" im Landestheater in St. Pölten

St. Pölten - Vor einer freistehenden Marmorwand sitzen im Landestheater Niederösterreich Franz Nabls "Die Ortliebschen Frauen" auf einer erbsengrünen Stil-Couch: Der Industrie-Aschenbecher steht in Abtupfnähe. Die in sanfter Resignation erloschene Mutter (Gabriele Schuchter) wacht über das gefrorene Bild einer Familienaufstellung im Kleinbürgermilieu: Die Töchter Josefine und Anna bilden die soliden Kernbestände einer durch den Tod des Vaters gewaltsam enthaupteten Sippe.

Die ältere (Chris Pichler) verwaltet die emotionalen Zuwendungsreste, die den innerfamiliären Zusammenhalt garantieren sollen, als Zuchtmeisterin. Die jüngere (Charlott von Blumencron) willfährt den Geboten der erstgeborenen als zähes, leidensfähiges Horváth-Mädchen - eine schöne Einzelleistung in einem bis auf die Knochen kalten, in bürgerlichen Konventionen erstarrten Franz-Nabl-Hochamt ohne jede sozio-kulturelle Anbindung an das Hier und Jetzt. Sohn Walter (Hendrik Winkler) ist das kurzhaarige, mit einem "Klumpfuß" entstellte Nesthäkchen: Er bildet den leeren, blinden Fleck in einer Inszenierung von Isabella Suppanz, die auf Nabl und dessen Dramatisierer Helmut Peschina allzu buchstabengetreu reagiert.
Sprache des "Bluts" 

Bei Nabl, dem steirischen Romancier mit dem soliden völkischen Hintergrund, wird man auf die dunkel raunende Sprache des "Blutes" verwiesen. Wann immer Verständigungsschwierigkeiten zwischen den lieben Verwandten herrschen, greifen autoritäre Maßregeln Platz. Immer meint es Josefine gut: wenn sie die kleine Schwester vor der linkischen Werbung des Tierfutterhändlers (Klaus Haberl) in den Schoß der Familie zurückreißt. Wenn sie der Mutter die Mütze aufs Haupt drückt, um sie zur Unterbindung eines brüderlichen Flirtversuchs hinauszusenden in die Sphäre der Großbürger wie eine bessere Dienstmagd.

Geschwister besitzen hoch reizbares und leicht erregbares Wälsungen-Blut. Die Wälsungen bilden in Wagners Ring des Nibelungen ein im kurzen Liebesglück hoch jauchzendes Inzestpaar: Sie feiern die unglücklichste Liebesgeschichte der Belle-Époque-Welt als rauschendes Fest mit Gesang.

Bei Nabl - und Peschina - bleiben die Ortliebs ortlos und stimmschwach. Sie geben leidlich moderne Menschen ab, die in die Zwickmühlen des frühen 20. Jahrhunderts hineingeraten sind. Es lässt sich daher auch kein "Fall F." herbeizitieren, um die finale Pointe, die sanft gewaltsame Verräumung des Bruders in ein Kellerloch, in die Nähe der Amstettener Monstrosität zu rücken. Die Familientyrannin (Pichler) schwelgt in erotischer Erhitzung. Wälzt sich im Rindenmulch (Bühne: Martin Warth) und besäße doch jedes Anrecht, einen Schritt ins Freie hinauszuwagen. Keine "üble" Aufführung. Aber eine Erzählung aus Zeiten, als es noch Salondrachen und Einhörner gab.

Ronald Pohl/Der Standard

Frido hütter, kleine zeitung

Wenn aus Liebe Perversion und Paranoia werden

Nabl-Uraufführung im Landestheater St. Polten

Isabella Suppanz, die dynamische Intendantin des Niederösterreichischen Landestheaters, lässt immer wieder überregional aufhorchen: Düringer spielt Shakespeare,
Steinhauer den Bockerer, Martin Wuttke gastiert. Nun hat sie Franz Nabls düsteren Familienroman "Das Grab des Lebendigen" unter dem Titel Die Ortliebschen
Frauen" von Helmut Peschina für die Bühne fassen lassen. Einen Film hatte Luc Bondy. schon 1979 gedreht.

Kurzinhalt: Mutter und zwei Töchter unterjochen den jüngsten Sohn. Unter dem eigensüchtigen Vorwand, ihn vor der Welt beschützen zu müssen, sperren
sie ihn in ein Kellerverlies. Ach ja, Herr F. steht ab morgen in St. Polten vor Gericht. Suppanz sagt, es gebe keine Parallelen zu dem Inzestfall, und
Nabls Botschaft ist auch allgemein gültiger: Liebe kann in ihrer Pervertierung Entsetzliches anrichten. Hier erleben wir sie in Gestalt von Missgunst, Paranoia
und Abschottung.

Der Abend ist seriös inszeniert, unten den Darstellerinnen ragen Gabriele Schuchter, Chris Pichler und Pippa Galli heraus. Helmut Peschinas Buch
schrammt stets an der Grenze des Trivialen dahin. Vielleicht ist das ja gewollt. In Summe ein sehenswerter Theaterabend mit solidem Beifall bei der Premiere.

Frido Hütter, Kleine Zeitung

Ingrid reichel/litges

Österreichs Kellerkinder

Der März in St. Pölten steht unter Hochspannung. Journalisten und Schaulustige überschwemmen die Stadt, ein Zelt zur Verköstigung wurde neben dem Gericht aufgestellt. Dem Amstettner Josef Fritzl wird der Prozess gemacht, wahrscheinlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Ein Schwurgericht soll über die Zukunft des Mannes entscheiden, der 24 Jahre lang seine Tochter in den Keller gesperrt und mit ihr sieben Kinder gezeugt hatte.

Wie geht die Gesellschaft mit so einem Verbrechen um? Wie kann die Gesellschaft diese Art unverständlicher Grausamkeiten verarbeiten?

Und wieder einmal erweist sich die Kultur als einziges aufklärendes und aufarbeitendes Medium…

Dass dies überhaupt möglich ist, dazu bedarf es allerdings einer großen Portion Zivilcourage der betreibenden Kulturveranstalter. Parallel zum Fritzl Prozess wird also bis 19. März „Die Ortliebschen Frauen“ nach einem Roman von Franz Nabl im Landestheater gespielt. Der Roman trägt den Untertitel „Studie aus dem kleinbürgerlichen Leben“. Inszeniert wurde das Stück nach einer Bühnenfassung von Helmut Peschina. Regie führte Intendantin Isabella Suppanz.

Isabella Suppanz, die hier in St. Pölten nicht das erste Mal mit der Auswahl ihrer Stücke sensibelst auf die Zeitgeschehnisse der Stadt hinweist und eingeht, hat seit ihrer nun vierjährigen Tätigkeit im Landestheater NÖ den Höhepunkt ihrer künstlerischen Leistung erreicht.

Mit Franz Nabl als einer der umstrittensten Autoren in Österreich, mit den „Ortliebschen Frauen“ als Pendant zum Fall Fritzl, mit ihrer herausragenden Regie und der außergewöhnlichen Leistungen ihres Ensembles und der Schauspielerinnen Gabriele Schuchter und Chris Pichler hat sie das doch generell konservative Image des Landestheaters endgültig revolutioniert.

Das kleine Theater in der als provinziell geltenden Landeshauptstadt NÖs ist zur Weltbühne geworden.

Das alles, wie bereits erwähnt, in nur knapp vier Jahren.

Wer aber ist dieser umstrittene Franz Nabl? Geboren wurde er 1883 in Lautschin/ Böhmen als Sohn des Domänenrats der Herrschaft "Thurn und Taxis", gestorben ist er 1974 in Graz. Seine Kindheit und Schulzeit verbrachte er in Baden und Wien. Nach abgebrochenem Jus- und Philosophiestudium arbeitete er zwischenzeitlich als Feuilleton-Redakteur beim "Neuen Grazer Tagblatt" bis er sich endgültig als freier Schriftsteller durchsetzte. Mit „Steirische Lebenswanderung. Erinnerungen“ hatte er 1938 den durchschlagensten Erfolg. Der Roman „Die Ortliebschen Frauen“, der zuerst unter dem Titel „Das Grab des Lebendigen“ 1917 erschien, wurde 1936 im Verlag Bremen neu aufgelegt und 1979 vom Schweizer Regisseur Luc Bondy verfilmt. Nabl erhielt viele Würdigungen und Preise u.a. den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur 1956 und das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst 1969.

Die Schattenseiten des großen österreichischen Literaten liegen in seinem nationalistischen Denken, das ihm während der NS-Zeit zu Gute kam und ihn zu einer der herausragenden deutschsprachigen Literaten der damaligen Zeit machten. Da man in seinen Schriften jedoch keine nationalsozialistischen Tendenzen feststellte, galt er lediglich als opportunistischer Mitläufer, der sich allerdings auch nach dem Krieg nicht von seinen Opportunismus löste, indem er sich lediglich als unpolitisch deklarierte und keine weiteren Stellungnahmen zu seiner Vergangenheit abgab. Der seit 1975 verliehene Grazer Literaturpreis (Franz-Nabl-Preis), sowie das 1990 errichtete Institut für Literaturforschung (Franz-Nabl-Institut) tragen seinen Namen und sorgen deswegen bis heute für Diskussionen. Nichts desto trotz bürgen gewichtige Namen wie Elias Canetti, Gerhard Roth, Peter Handke, und Alfred Kolleritsch für die nationalsozialistische Unbedenklichkeit von Nabls Werk.

Eine aufschlussreiche Analyse hierzu aus einem Interviewauszug mit Dr. Gerhard Fuchs vom Franz-Nabl-Institut, vom 25.02.09, sowie Stellungnahmen der genannten Autoren befinden sich im äußerst gelungenen Programmheft des Landestheaters NÖ.

Worum geht es in den „Ortliebschen Frauen“?

Wie der Originaluntertitel schon besagt, handelt es sich um eine Studie aus dem kleinbürgerlichen Leben.

Die Familie, die in ihrer „passiven Inaktivität“ zum Täter wird, steht im Mittelpunkt des Geschehens.

Frau Ortlieb muss mit ihrer kleinen Witwenrente ihre zwei bereits erwachsenen Töchter Josefine und Anna, sowie ihren vor der Matura stehenden und mit einem Klumpfuß gezeichneten, pubertierenden Sohn Walter ernähren und den Haushalt bestreiten. Sie leben zu viert in der Wohnung in die schon Frau Ortlieb hineingeboren wurde. Die Lebenssituation wird jedoch nicht nur durch die steigenden anfallenden Kosten erschwert, sondern auch durch das drastisch veränderte soziale Umfeld, dem die Familie ausgesetzt ist. Die Nachbarin, Fräulein Kranzler, die als Schauspielerin prädestiniert ist, ein liederliches Leben zu führen, wird zum Gefahrenpotenzial für die gutbürgerliche Familie. Einziger Kontakt zur Außenwelt ist der sonntägliche Ausflug zu den Großeltern aufs Land. Dort jedoch lauert schon die nächste Versuchung in der Gestalt von Olga Clermont, einer jungen Belgierin, die in der Nähe der Großeltern wohnhaft ist. Sie ist eine Prinzessin auf der Erbse, eine naive Blonde, die nach einer gescheiterten Beziehung umso anhänglicher ist und sich nach einem ernsten Partner sehnt, den sie in Walter zu erkennen vermag.

Eine kranke Elster sorgt für eine weitere Zerreißprobe, da Anna um den Vogel zu retten in Kontakt mit einem ihr gegenüber viel älteren Tierhändler, Adam Nikolai tritt. Er sieht in ihr die Lösung all seiner Probleme und macht ihr einen Heiratsantrag. Die älteste Tochter Josefine ist die intelligenteste und erkennt rechtzeitig, dass die Familie sich kurz vor der Auflösung befindet. Mit Intrigen, psychischen Druck, Schuldzuweisungen und Verstärkung, der bereits gesundheitlich angegriffen Mutter unterbindet sie den anderen Familienmitgliedern jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Durch Beziehungen der Mutter erhält Walter schließlich einen Posten auf dem Land und man beschließt dem Stadtleben zu entfliehen, um endlich die notwendige Ruhe zur Stabilisierung der Familie heraufzubeschwören. Die Familie zieht in ein Haus mit Garten und Hühnerfarm aufs Land. Durch das zusätzliche Einkommen von Walter entspannt sich vorerst auch die finanzielle Lage der Familie. Man leistet sich sogar ein Mädchen für Alles, Frau Tschumpas. Bis zu jenem Tag als Walter merklich durch seinen Job aufblüht und trotz seiner Behinderung Gefallen am Leben findet, erscheint die Welt der Ortliebs in völliger Harmonie, bis Frau Tschumpas den Dorfklatsch ins Haus bringt: Der Sohn treffe sich täglich mit der einzigen Tochter des reichsten Weinbauern im Ort, die auch noch mit einem ledigen Kind belastet ist. Es kommt zum Eklat. Frau Tschumpas wird fristlos gekündigt und Walter landet, eh er sich versieht, eingesperrt im Keller. Erst durch die zweifelhafte Initiative der einstigen Haushälterin, leckt schließlich die Dorfgemeinschaft Blut. Walter wird von seinem Verlies befreit. Josefine erschießt sich in letzter Konsequenz mit der Pistole, die man aus Sicherheitsgründen wegen der Abgeschiedenheit des Hauses angeschafft hatte. (Im Original erhängt sie sich.)

Die Familie, als Ort der Sicherheit, als Refugium der Liebe und als letztes Auffangnetz der Gesellschaft verwandelt sich zu einem System der Kriminalität. Der maßgebliche Schutz vor der Furcht einflößenden Außenwelt pervertiert zu einer Abschottung und Isolation, zu einem Entzug von Freiheit und eigenständigem Denken. Schuldgefühle und Minderwertigkeitskomplexe werden konsequent über Jahre anerzogen und machen den Weg nach Außen für jedes einzelne Familienmitglied undenkbar. Was uns, normalen Bürgern, unnachvollziehbar erscheint, wird uns in dieser Inszenierung innerhalb von zwei Stunden plausibel gemacht. Ist uns vor der Pause wegen vereinzelter Aussagen noch nach Kopfschütteln oder sogar nach hämischen Lachen, ist nach der Pause Schluss mit lustig. Die Katze ist aus dem Sack, die ungeheuerliche Fratze unserer Gutbürgerlichkeit wird uns als Henkersmahlzeit frisch und heiß serviert.

Dem 1961 in Karlsruhe geborenen Bühnen- und Kostümbildner Martin Warth ist mit seiner karg ausgestatteten Drehbühne ein grandioses Bühnenbild gelungen.

Die bekannte Mimin Gabriele Schuchter ist in der Rolle der gottesfürchtigen, verkorksten und mit falschen moralischen Werten behafteten Frau Ortlieb kaum wieder zu erkennen. Sie trat diese Spielsaison im Landestheater auch als Binerl im Stück „Der Bockerer“ an der Seite von Erwin Steinhauer auf.

Chris Pichler, die aus diversen Filmserien, wie „Der Winzerkönig“, „Kommissar Rex“ und „Julia“ bereits bekannt ist, hat in diesem Stück wohl die Schwierigste Rolle zu bewältigen, nämlich die der ältesten Tochter Josefine, einer Hysterikerin, einer dem Leben nicht gewachsenen jungen Frau, die die einzelnen Familienmitglieder gegeneinander aufstachelt um damit ihren Existenzängsten zu entgehen.

Vom Theaterensemble spielt Charlott Blumencron die Rolle der Anna, die ihrer Schwester Josefine absolut hörig ist; Hendrik Winkler besetzte die Rolle des zwar körperlich behinderten Sohns Walter, der jedoch psychisch der „Normalgebliebene“ ist und immer wieder durch Täuschungsmanöver versucht sich aus diesen familiären Fängen und Zwängen zu befreien.

In den Nebenrollen zu finden sind Klaus Haberl als verstockter und introvertierter Tierhändler Adam Nikolai; Pippa Galli als verklärte Olga Clermont; Julia Schranz als das von Sünde behaftete Fräulein Kranzler; Christine Jirku als typische Dorftratsche Frau Tschumpas, die sich schließlich den gesellschaftlichen Pflichten stellen und die Lebens entscheidende Befreiungsaktion starten muss; Helmut Wiesinger als Herr Rumpler, der in der Person eines Ladenbesitzers die dörfliche Gemeinde und die Trägheit der Masse repräsentiert.

Es wäre lächerlich eine Auflistung von löblichen Adjektiven für die Leistungen der einzelnen Schauspieler aneinanderzureihen. Es sei vielmehr zu sagen, dass an diesem Abend der Uraufführung „Der Ortliebschen Frauen“ nicht mehr gespielt wurde, sondern die Rollen gelebt wurden. Die Anstrengung war den Schauspielern, vor allem Chris Pichler, noch während der Premierenfeier in die Gesichter geschrieben.

Isabella Suppanz hat als Intendantin und Regisseurin ein extrem aufreibendes Stück inszeniert, welches ihrem treuen Ensemble und den beiden hervorragenden engagierten Schauspielerinnen das Maximum nicht nur an Können, sondern auch an nervlicher Substanz abverlangt. Gewagt und riskant.

Ingrid Reichel/LitGes

Pressestimmen

Wenn aus Liebe Perversion und Paranoia werden

Der Abend ist seriös inszeniert, unter den Darstellerinnen ragen Gabriele Schuchter, Chris Pichler und Pippa Galli heraus ... In Summe ein sehenswerter Theaterabend mit solidem Beifall bei der Premiere. Mehr ...
Frido Hütter, Kleine Zeitung vom 14.03.2009

Österreichs Kellerkinder

Isabella Suppanz hat als Intendantin und Regisseurin ein extrem aufreibendes Stück inszeniert, welches ihrem treuen Ensemble und den beiden hervorragenden engagierten Schauspielerinnen das Maximum nicht nur an Können, sondern auch an nervlicher Substanz abverlangt. Gewagt und riskant. Mehr ...
Ingrid Reichel, LitGes

Das Verlies entsteht in der Familie

Intendatin Isabella Suppanz hat das Stück um pervertierte Familienbindungen nach einem Roman von Franz Nabl (1183-1974) lange vor Auffliegen des Amstettner Dramas geplant. Die Hausherrin hat es nun klug und unspektakulär, fast lakonisch inszeniert.  Mehr ...
Ernst P. Strobl, Die Salzburger Nachrichten vom 14.03.2009

Machtspiele in der Familie

Helmut Peschina, bewährter und vielfach ausgezeichneter Experte für Theater- und Radio-Adaptionen von Stoffen der Weltliteratur, bewies auch diesmal in seiner Bearbeitung sensibles Geschick für Dialoge, in deren lakonischer Sprache der nicht in Wiorte zu fassende eigentliche Subtexte mitschwingt ... Ein Abend zum Nachdenken. Mehr ...
Hilde Haider-Pregler, Wiener Zeitung vom 14.03.2009

Landestheater Niederösterreich: Brüderchen im Keller, Schwesterchen obenauf

Das Landestheater Niederösterreich hat sich nun eines zeittypischen Nabl-Romans angenommen ... Hausherrin Isabella Suppanz führt Regie, die Dramatisierung des Romans von 1917 stammt von Helmut Peschina, der ein gutes Ohr für Dialoge hat, mit Chris Pichler hat man einen Shootingstar in der Paraderolle der arglistig manipulativen Josefine verpflichtet. Der Abend ist kurz, zwei Stunden inklusive Pause – beste Voraussetzungen also für einen Erfolg. Mehr ...
Norbert Mayer, Die Presse vom 14.03.2009

Geschwisterliebeswahn aus dem Jahr 1917

Vor einer freistehenden Marmorwand sitzen im Landestheater Niederösterreich Franz Nabls "Die Ortliebschen Frauen" auf einer erbsengrünen Stil-Couch: Der Industrie-Aschenbecher steht in Abtupfnähe ... Keine "üble" Aufführung.  Mehr ...
Ronald Pohl, Der Standard vom 14./15.03.2009

Die Ortliebschen Frauen nach dem Roman von Franz Nabl. Dramatisiert von Helmut Peschina

Einiges wäre an der Bühnenfassung durchaus zu schleifen gewesen, im Ganzen aber machte sie in dieser Aufführung großen Effekt und erntete ihren verdienten Applaus. Am schönsten wäre es, wenn viele Besucher des Abends, die den Roman nicht kennen, nun nach dem Nabl’schen Original griffen. Mehr ...
Renate Wagner, Der Neue Merker

Bühne und Kostüme

Martin Warth

Regie

Isabella Suppanz

Besetzung

Mutter OrtliebGabriele Schuchter
Josefine OrtliebChris Pichler
Anna OrtliebCharlott von Blumencron
Walter OrtliebHendrik Winkler
Adam NikolaiKlaus Haberl
Olga ClermontPippa Galli
Fräulein KranzlerJulia Schranz
Frau TschumpasChristine Jirku
Herr RumplerHelmut Wiesinger
Großes Haus
03.12.2009 19:30